Nein, weder in Mailand noch in Venedig wird die von der Regierung in Rom kommandierte Polizei anrücken, um nach dem Autonomiereferendum der beiden Regionen Lombardei und Venetien die Macht des Zentralstaats zu bekräftigen. Das Ergebnis – Ja zur Autonomie – ist eindeutig, die Beteiligung des Wahlvolks war überraschend hoch, doch niemanden versetzt das in Aufregung.

Italien ist eben nicht Spanien, Venetien und die Lombardei sind nicht Katalonien. Weder reisten Kamerateams aus der ganzen Welt an, um die Stimmungen der Bevölkerung und die (schier nicht existierende) Krise zwischen Nationalstaat und Regionalregierungen einzufangen, noch sind die Parlamente in Rom oder den Regionshauptstädten zu Sondersitzungen einberufen.

Warum auch? Nicht um Volksabstimmungen, sondern um Volksbefragungen handelte es sich bei den beiden Referenden, und sie waren vom Verfassungsgericht in Rom genehmigt. Ganz höflich baten die beiden Regierungen ihre Bürger, ihnen den Auftrag zur Verhandlung mit der Zentralregierung in Rom über erweiterte Autonomierechte zu erteilen, bei der Kultur-, der Schul- oder der Arbeitsmarktpolitik. Solche Verhandlungen sieht Italiens Verfassung sowieso vor, ganz ohne Bürgerbefragung. Es reicht ein Brief des Regionspräsidenten an die Regierung in Rom.

"Die faulen Süditaliener"

Doch statt einfach ebendiesen Brief zu schreiben, wollten die beiden Regionsgouverneure, Roberto Maroni in der Lombardei und Luca Zaia in Venetien, schon ein bisschen Katalonien oder Schottland spielen, wollten sie wenigstens ein bisschen Drama. Schließlich gehören beide zur Lega Nord, zu jener in den Achtzigerjahren entstandenen Partei, in der sich von Beginn an Rechtspopulismus und bis zum Sezessionsgedanken reichender Regionalismus die Hand reichten. Das "diebische Rom", "die faulen Süditaliener" waren seit je das Feindbild der Lega.

Deutsche sollte dieses Feindbild wenig überraschen – es ist das gleiche, das das Gros der öffentlichen Meinung in Deutschland gegenüber Südeuropa pflegt. Eigentlich kann das nicht verwundern: Italien präsentiert sich gespalten zwischen den reichen Regionen des Nordens, vorneweg der Lombardei und Venetien, die mit ihrer starken Industrie weder geographisch noch ökonomisch so weit von Bayern und Baden-Württemberg weit entfernt sind, und seinen armen Regionen im Süden, Kalabrien, Kampanien oder Sizilien, die mit korrupter Politik und schwacher Ökonomie eher an Griechenland erinnern.

Von diesen Differenzen wollen jetzt wieder die beiden Lega-Gouverneure profitieren, ohne doch einen wirklichen Konflikt aufzumachen wie etwa in Schottland oder in Katalonien. "Substanziell um nichts" sei es bei den Referenden vom Sonntag gegangen, berichteten Italiens Medien einhellig, bloß eben um die Aufnahme jener Verhandlungen zwischen der Regierung in Rom und den Regionalregierungen.