Spanien - Proteste gegen Unabhängigkeit Kataloniens in Barcelona In Barcelona haben laut Polizeiangaben 350.000 Menschen gegen die Abspaltung Kataloniens von Spanien und für die Einheit des Landes demonstriert. © Foto: Emilio Morenatti/dpa

Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags. Ein warmer, spätsommerlicher Sonntag in Barcelona. An der Ecke Via Leietana zur Ronda de St. Pere  steht Almudena Morena, in der linken Hand einen Kaffeebecher von Starbucks, um die Schultern die spanische Flagge, auf ihren Wangen sind die rot-gelben spanischen Nationalfarben gemalt. "Ich bin heute Morgen mit dem Flugzeug aus Madrid gekommen, um für die Einheit Spaniens zu demonstrieren. Der Tag des Referendums war der traurigste Tag meines Lebens."

Gemeint ist das Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens, das die katalanische Regionalregierung am 1. Oktober abhielt, obwohl das spanische Verfassungsgericht es für illegal erklärt hatte. "Spanien muss ein geeintes Land bleiben", sagt Almudena Morena und schließt sich dem Demonstrationszug an, der sich langsam in Bewegung setzt. Bevor sie sich endgültig verabschiedet, ruft sie noch fröhlich: "Schenk mir einen Kuss!"

Die 39-jährige, schlanke Frau ist eine jener Menschen, vor denen katalanischen Separatisten noch vor Beginn der Demonstration in den sozialen Medien gewarnt haben. Zahllose Busse voller Demonstranten würden aus Madrid herangekarrt, unter ihnen sehr viele spanische Rechtsextreme. Nun, Almudena Morena sieht nicht aus wie eine Rechtsextreme, und sie äußert während des Gesprächs nicht einmal im Ansatz einen rechtsextremen Gedanken.

Die Abspaltungsgegner sollen hässlich und hinterhältig aussehen

Es ist nur nachvollziehbar, dass die Separatisten versuchen, ihre Gegner klein, hässlich und hinterhältig aussehen zu lassen. Es ist in Spanien ein harter Kampf im Gange, und es ist ein Teil des Problems, dass sich beide Seiten wenig schenken und zunehmend verhärten. Das Klima hat sich in den letzten Tagen bedrohlich aufgeheizt.

Die Separatisten hatten das Momentum auf ihrer Seite. Ein Grund dafür war die Unsichtbarkeit der vielen Katalanen, die laut Umfragen gegen eine Abtrennung Kataloniens sind. Sie haben sich bisher nicht gezeigt. Die Separatisten beherrschten die Straßen. Es entstand der Eindruck, befeuert durch die Bilder in den Medien, dass die Mehrheit der Menschen hinter ihnen stünde. Die Erzählung der letzten Wochen lautete: Das katalanische Volk kämpft gegen eine uneinsichtige, tendenziell gewalttätige spanische Zentralregierung.

Seit Sonntag aber haben die Separatisten die Deutungshoheit verloren. Hunderttausende Menschen gingen an diesem Tag in Barcelona auf die Straße, um für die Einheit Spaniens zu demonstrieren. Die Organisatoren sprechen von einer Million, die städtischen Behörden von 350.000. Welche Angaben auch zutreffender sein mögen – nach diesem Tag können die Separatisten nicht mehr sagen, sie sprächen für das katalanische Volk.

Es gab unter den Demonstranten gewiss auch Rechtsextreme. Wie könnte es anders sein in einem Land, das fast vier Jahrzehnte von einem Diktator beherrscht worden war? Doch die Zahl der Rechtsextremen war sehr gering, geradezu unsichtbar in dem Menschenmeer. Die allermeisten Demonstranten gingen aus echter Sorge um die Zukunft ihres Landes auf die Straße. So wie der 66-jährige Juan Carreras, der sagt: "Wir müssen doch zusammenhalten, wir Spanier, wir Europäer." Oder wie die 45-jährige Francisca Romero, die nicht möchte, dass ihre Kinder in einem Kleinstaat namens Katalonien aufwachsen. "Dieser Staat wäre doch nur ein Spielball großer Mächte. Wir hätten gar nichts mehr zu melden." Im Demonstrationszug waren sehr viele Europaflaggen zu sehen, und auf handbeschriebenen Plakaten war immer wieder auf Katalanisch zu lesen: "Wir sind ein Volk!" oder "Schluss mit dem Hass, lasst uns reden!".

Die Behauptungen der Separatisten erweisen sich als Fehleinschätzungen

Der katalanische Regierungschef, Carles Puigdemont, wollte vermutlich Anfang der Woche die Unabhängigkeit ausrufen. Er blieb trotz aller Warnungen unbeirrt. Der Druck aber wuchs ständig. Nach und nach stellte sich heraus, dass viele der Behauptungen der Separatisten extreme Fehleinschätzungen waren. Die Separatisten hatten versucht, die EU auf ihre Seite zu ziehen. Vergeblich. Nach dem Referendum vom 1. Oktober stärkte die EU der Regierung von Mariano Rajoy den Rücken. Die Separatisten behaupteten, dass ein unabhängiges Katalonien wirtschaftlich florieren würde. Doch in den letzten Tagen verlegten mehrere Banken und Unternehmen ihren Sitz aus Katalonien. Das wirkte wie ein Schock. Und die Separatisten behaupteten, dass sie die Mehrheit des katalanischen Volkes repräsentierten – seit Sonntag hat sich auch diese Behauptung in Luft aufgelöst. Abgesehen davon, dass am Unabhängigkeitsreferendum nicht einmal die Hälfte der wahlberechtigten Katalanen teilgenommen hatten.

Bevor am Ende der Kundgebung die europäische und die spanische Hymne gespielt wurden, trat noch der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa auf. Er warnte eindringlich vor der Gefahr des Nationalismus: "Wir sind friedliche Bürger, die an das Zusammenleben der Menschen glauben und werden uns nicht von der Minderheit von Separatisten in eine Dritte Welt Land verwandeln lassen!" 

Neben ihm stand der ehemalige Präsident des Europaparlaments, der Sozialist und Katalane Josep Borell. Er sprach eine Wahrheit aus, die den Separatisten nicht schmecken wird: "Katalonien ist nicht Litauen und nicht der Kosovo. Es ist kein besetztes und militarisiertes Land."

Dann rief Borell in die Menge:  "Wir müssen aufhören, uns Schaden zuzufügen. Wir müssen wieder zu Sinnen kommen!" Für alle Spanier sei es Zeit, innezuhalten. "Es ist Zeit für Versöhnung."

Ob Carles Puigdemont sich davon beeindrucken lassen wird, weiß niemand. Doch seit Sonntag steht er auf sehr wackeligen Beinen.