In Katalonien sind nach Angaben von Rettungskräften bei Polizeieinsätzen am Rande des Unabhängigkeits-Referendums zahlreiche Teilnehmer verletzt worden. Das Innenministerium teilte mit, auch Einsatzkräfte seien verletzt, unter ihnen neun Polizisten und zwei Beamte der Guardia Civil. Sie seien mit Steinen beworfen worden.

Das Referendum hatte planmäßig um neun Uhr begonnen, obwohl das spanische Verfassungsgericht die Abstimmung im Vorfeld verboten hatte, und trotz des Polizeieinsatzes. Zunächst war die Situation relativ friedlich; später mehrten sich die Auseinandersetzungen. Der Zeitung El Periodico zufolge schoss die Polizei in Barcelona mit Gummigeschossen. Auch Nachrichtenagenturen meldeten unter Berufung auf Augenzeugen den Einsatz von Gummimunition.

Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont kritisierte den "unverantwortlichen Einsatz von Gewalt" durch Sicherheitskräfte. "Gewalt, Schlagstöcke, Gummigeschosse, wahllose Aggression... Ich denke, heute ist schon alles gesagt", sagte er der Tageszeitung El Mundo zufolge.

Die spanischen Behörden hingegen, unter ihnen das Innenministerium, betonten via Twitter immer wieder, dass die Beamten lediglich die Gesetze durchsetzten. Am Nachmittag twitterte das Ministerium ein Video, das zeigt, wie Polizisten vor einer Gruppe von Menschen flüchten, die sie mit Dingen bewerfen. "Die Gewalt gegen die Agenten hält an. Die Guardia Civil zieht sich inmitten eines Regens aus Steinen, die aus einer Gruppe geworfen werden, schnell zurück", schrieb das Ministerium dazu.

Vielerorts warteten die Bürger in langen Schlangen darauf, ihre Stimme abgeben zu können. Ein Vertreter der katalanischen Regionalverwaltung sagte, 73 Prozent der etwa 6.000 Wahllokale seien geöffnet, trotz des Vorgehens der Polizei. Die versuchte die Menschen teils gewaltsam an der Abgabe ihrer Stimme zu hindern, so wie hier in einem Video, das am Sonntagvormittag in einer Schule in Barcelona aufgenommen wurde.

In Barcelona beschlagnahmte die Polizei Wahlurnen, wie das spanische Innenministerium via Twitter mitteilte. In einem Wahllokal in Girona kam es zu einem Handgemenge zwischen Bereitschaftspolizisten und Teilnehmern des Referendums. Die Polizei zerstörte Glasscheiben und setzte Bolzenschneider ein, um in das Gebäude hineinzukommen. An dem Ort war die Stimmabgabe von Carles Puigdemont geplant, dem Chef der Regionalregierung. Puigdemont wählte dennoch. Der Tageszeitung El Mundo zufolge gab er seine Stimme in einem anderen Lokal ab.  

Dass das Referendum sich zu einer Kraftprobe zwischen der spanischen Zentralregierung in Madrid und der katalanischen Regionalverwaltung entwickeln würde, hatte sich seit einiger Zeit abgezeichnet.

Viele Wahllokale waren von der Polizei schon vor Beginn abgesperrt worden. Die katalanische Regionalregierung hatte den Bürgern daraufhin gestattet, ihre Stimme in einem beliebigen Wahllokal abzugeben. Es würden auch Stimmzettel akzeptiert, welche die Wähler zu Hause ausgedruckt hätten. Offen ist seither, ob das Referendum repräsentativ werden kann. Ein Vertreter der spanischen Zentralregierung sagte, indem sie die Regeln der Abstimmung so kurzfristig änderten, hätten die Katalanen selbst das Referendum "zunichte gemacht".

Die katalanische Polizei war zuvor dem Befehl, Schulen und andere Wahllokale abzuriegeln, nicht nachgekommen. Um die Gebäude offen zu halten, hatten sich schon am frühen Sonntagmorgen Hunderte Bürger in ihnen versammelt. Manche hatten die Nacht in Schulen verbracht, die als Wahllokal vorgesehen waren, andere kamen bei Tagesanbruch, um die Gebäude zu beschützen. An manchen Orten verhinderten sie ein Eingreifen der Polizei.

Die Guardia Civil deaktivierte laut Innenministerium das von der Regionalregierung genutzte IT-System, das garantieren sollte, dass jeder Wahlberechtigte seine Stimme nur einmal abgibt. Wahlhelfer schilderten, sie hätten keinen Zugang zu Abstimmungsdaten, da die entsprechende Internetseite nicht aufgerufen werden könne. Manche Wahllokale seien ganz vom Internetzugang  abgeschnitten worden.

In Umfragen hatten sich nur 40 Prozent für die Loslösung Kataloniens vom spanischen Staat ausgesprochen. Insgesamt sind mehr als 5,3 Millionen Menschen aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Zahlen zur Wahlbeteiligung wurden wegen des Chaos nicht veröffentlicht.

Das Referendum ist nicht bindend. Die katalanische Regionalregierung hat dennoch angekündigt, im Falle eines Siegs für das Ja-Lager innerhalb weniger Tage die Unabhängigkeit von Spanien auszurufen. Das Verfassungsgericht hingegen, das die Volksabstimmung für illegal erklärt hat, beruft sich auf die gesetzlich verankerte Unteilbarkeit des spanischen Staates.