Die Ironie des Zufalls wollte es so, dass am Donnerstag – Tag 3 der Staatskrise – in Spanien Nationalfeiertag ist. Zum Día de la Hispanidad wurde der Ankunft des Segelbootes von Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 in Amerika gedacht. Durch die Straßen von Madrid marschierte eine Militärparade, bei der erstmals auch die Nationalpolizei dabei war. Das Spektakel wurde bewunken von Ministern der konservativen Zentralregierung von Mariano Rajoy. Im Anschluss lud König Felipe VI. mit seiner Frau Letizia und den beiden kleinen Töchtern Leonor und Sofía zum Empfang in den Königspalast. Der Regionalpräsident von Katalonien, Carles Puigdemont, blieb der Prozession fern, wie immer.

Aus Madrid kamen wieder die Bilder, die vielen Katalanen und auch vielen linken Spaniern an ihrem Land so zuwider sind: Militärs feiern den Kolonialismus und die Monarchie. Mit seiner halben Unabhängigkeitserklärung von Spanien hat Puigdemot wiederum den konservativen Spaniern ihren Tag versaut. Schließlich ist die Einheit des Landes in Gefahr. Und das am Nationalfeiertag.

Die konservative Regierung in Madrid hat dem katalanischen Regionalpräsidenten nun per Brief ein Ultimatum von fünf Tagen gestellt. Bis kommenden Montag solle er sagen, ob er nun die Unabhängigkeit erklärt habe oder nicht. Alles andere als ein klares Nein werde als Zustimmung und damit Verfassungsbruch verstanden, heißt es in dem Schreiben. Sollte Puigdemont darauf bestehen, dass Katalonien die eigenständige Republik ausgerufen habe (auch mit zeitlicher Verzögerung), dann wäre das ein Grund, den Artikel 155 der spanischen Verfassung anzuwenden und Katalonien unter Zwangsverwaltung zu stellen, also Puigdemont abzusetzen.

Puigdemont hofft auf internationale Unterstützung

Doch es gibt auch Hoffnung: In der Katalonien-Krise sind in diesen Tagen auf beiden Seiten sehr viele zweideutige Äußerungen zu hören. Spanische Zeitungen schreiben bereits von einer "semantischen Herausforderung" für alle Politikkommentatoren.

So hat Regionalpräsident Puigdemont am Dienstagabend in prunkvoller Kulisse zwar einen neuen Staat – die República de Catalunya – ausgerufen, aber diese im gleichen Atemzug "vertagt", weil er mit der Regierung in Madrid verhandeln wolle. Außerdem – was Puigdemont nicht sagte – tat er dies wohl, weil er zuletzt ziemlich allein dastand: seine Abspaltungserklärung ist verfassungswidrig, international dürfte sie niemand anerkennen, sogar am Tag nach dem halben Rückzug kündigten noch wichtige Arbeitgeber wie Autobauer Seat an, Barcelona zu verlassen, sollten die Separatisten nicht zur Vernunft kommen.

Katalonien - Puigdemont verzichtet auf Unabhängigkeitserklärung In seiner mit Spannung erwarteten Rede hat der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont die Unabhängigkeit seiner Region gefordert. Ausgerufen hat er sie jedoch nicht. © Foto: David Ramos/Getty Images

Puigdemont aber hofft weiter auf internationale Unterstützung. Seine sanfte und konsensorientierte Unabhängigkeitserklärung hat ihm wohlwollenden Zuspruch so mancher europäischer Politiker gebracht. Nicht ohne Grund gab es am Mittwoch ein Interview von Puigdemont auf dem amerikanischen Sender CNN zu sehen. Dort sprach er sich für einen "Dialog ohne Vorbedingungen" aus – um dann aber hinzuzufügen, dass das Gegenüber anerkennen müsse, dass die meisten Katalanen einen unabhängigen Staat wünschten. Wieder so eine Botschaft, die man unterschiedlich interpretieren kann.

Der katalanische Regionalpräsident muss es gerade allein recht machen. Er spielt daher verschiedene Rollen: Konziliant und kompromissbereit, wenn er nach außen spricht. Kompromisslos und hart, wenn er auf Katalanisch mit seinen eigenen Leuten kommuniziert. Was Puigdemont wirklich will, darüber kann nur spekuliert werden.

Die linksradikale Partei CUP, die sein fragiles Regierungsbündnis stützt, macht Druck. Schließlich hat sie am Dienstag ein Dokument geschrieben, auf dem sich die Politiker von Spanien loslösten. Keiner wolle Verhandlungen, denn man sei doch schon eine Republik, maulten die Radikalen, die spanischen Medien zufolge von dem sanften Ton von Puigdemonts Rede und der Aussetzung der sofortigen Wirkung der Unabhängigkeitserklärung überrascht waren.

Doch auch in Madrid ist Regierungschef Mariano Rajoy weniger kompromisslos, als man beim ersten Zuhören vielleicht denken könnte. Spaniens konservativer Regierungschef verzichtete am Mittwoch darauf, den Artikel 155 der Verfassung in Gang zusetzen. Noch ist in Barcelona alles wie zuvor. Rajoy machte außerdem klar: Selbst, wenn sich Puigdemont am Montag auf ein schriftliches Ja zur Unabhängigkeit festlegt, soll er weitere Tage haben, um dieses "Ja" zurückzuholen. Die vorläufige Deadline, die die Zentralregierung gesetzt hat, ist der 19. Oktober.