Viele Monate wäre Zeit gewesen, um diese hässlichen Bilder zu verhindern: Stockhiebe von spanischen Nationalpolizisten auf ihre eigenen Bürger, blutende Wähler, aber auch die Steinwürfe von katalanischen Demonstranten auf die Polizei.

Gewalt und Gegengewalt, mehr als 800 Verletzte. Am Sonntag hat sich in Nordostspanien ein Konflikt entladen, der sich in den vergangenen zwei Jahren immer weiter aufgestaut hatte. Es war eine Eskalation mit Ansage, die beide Seiten, die Regierungen in Madrid und Katalonien, nicht verhinderten. Weil sie sie, so die bittere Erkenntnis dieses Wochenendes, nicht verhindern wollten.

Schwere Schuld trifft dabei auch die katalanischen Separatisten. Mit ihrem Unabhängigkeitsprojekt gewannen sie 2015 nur knapp die Regionalwahlen, dennoch treiben sie ihre Idee gnadenlos voran. Die katalanische Regierung unter Präsident Carles Puigdemont ließ sich von niemandem aufhalten: nicht vom Verfassungsgericht in Madrid, das das geplante Unabhängigkeitsreferendum für illegal erklärte. Nicht von der Hälfte der knapp sieben Millionen Katalanen, die bis heute gegen eine Unabhängigkeit von Spanien ist.

Katalonien - 90 Prozent stimmen für Loslösung von Spanien Nach Angaben der Regionalregierung haben sich trotz der Polizeieinsätze mehr als 40 Prozent der Stimmberechtigten am Referendum beteiligt. Am Dienstag soll es einen Generalstreik geben, zu dem Unabhängigkeitsbefürworter aufgerufen haben. © Foto: Yves Herman/Reuters

Kühl geplanter Rechtsbruch

Nicht von Kritikern des kühl geplanten Rechtsbruchs, der von den Separatisten geschickt zum zivilen Ungehorsam umgedichtet wurde. Nicht von Europa-Rechtlern, die immer wieder erklärten, dass ein einseitig für unabhängig erklärtes Katalonien eben nicht automatisch EU-Mitglied bleiben könne – so wie es die Unabhängigkeitskämpfer gerne ihren Anhängern versprachen.

Natürlich war das Referendum, das am Sonntag in vorher besetzten Schulen und zum Teil mitten auf der Straße stattfand, illegal. Das Ergebnis kann nicht anerkannt werden. Weil nach dem Chaos – jeder wählte, wo er konnte – niemand mehr weiß, welche Stimme nun ordnungsgemäß abgegeben wurde und welche doppelt. Aber auch weil die Wahlbeteiligung nur bei 42 Prozent lag. Das angebliche 90-Prozent-Ergebnis ist damit wenig aussagekräftig: Zur Wahl gingen die überzeugten Separatisten.

Und doch trägt auch der spanische Regierungschef Mariano Rajoy mindestens genauso große Schuld an der Eskalation wie die Regionalregierung. Gespenstisch wirkte es, als der Konservative am Sonntagabend vom Sieg des Rechtsstaats über die "Farce" eines Referendums sprach. Kein Wort verlor Rajoy über die Gewalt seiner Polizisten gegen friedliche Bürger. Schuld an der Situation seien nur die Separatisten.

Rajoys Auftritt wird das Land weiter polarisieren. Nichts hat seine Regierung getan, um den Konflikt friedlich zu lösen. Rajoy kannte nur die harte Hand: Er reagierte seit 2011 stets nur mithilfe der Gerichte und, als das die Separatisten nicht stoppte, schließlich mit der Nationalpolizei. Die wurde schon vor einigen Tagen auf Schiffen vor dem Hafen Barcelonas untergebracht und hatte am Sonntag ihren unrühmlichen Auftritt, als sie Demonstranten aus dem Weg prügelte und Katalanen die Wahlurne aus der Hand riss. Nicht wenige Spanier erinnerte das an die Spätzeiten der Diktatur, als die Guardia Civil, damals noch Francos Nationalpolizei, gegen unliebsame Kritiker vorging.

Die Situation ist Rajoy entglitten

Die Polizeigewalt ist durch nichts zu rechtfertigen. Rajoy selbst ist die Situation in seinem Land schon lange vorher entglitten. Er hätte viel früher auf die katalanischen Bürger zugehen müssen: Noch vor wenigen Jahren war eine klare Mehrheit der Katalanen gegen die Unabhängigkeit von Spanien. Im reichen und republikanischen Nordosten des Landes fühlt man sich traditionell gegängelt vom konservativen Madrid, doch mit Dialog, vielleicht mit mehr Autonomierechten wären viele Probleme zu lösen gewesen. Rajoy entschied sich für die harte Hand, auch weil er in den vergangenen Jahren bei zwei nationalen Wahlen um seine Macht fürchtete und die Konservativen ihm für seine Kompromisslosigkeit gegenüber Katalonien bejubelten. In Madrid gibt es inzwischen Bürger, die finden, dass man notfalls die Panzer in die abtrünnige Region schicken solle. Ein Hauch von Bürgerkrieg liegt in der Luft, zum Entsetzen der überwältigenden Mehrheit der Spanier.

Verloren hat die Regierung in Madrid mit ihrem Gehabe also ihren wichtigsten Partner im Bemühen um die Einheit Spaniens: Die gemäßigten, bislang indifferenten Katalanen. Spätestens seit Madrid vor dem Referendumssonntag katalanische Bürgermeister verhaftete und die Guardia Civil auf den Straßen patrouillierte, sind auch sie überzeugt: Die wollen uns unterjochen. Ausgerechnet der Verfechter der nationalen Einheit, Rajoy, könnte mit seinem kompromisslosen Verhalten in den vergangenen Tagen viele neue Separatisten geschaffen haben. Auch wenn sie erstmal nicht abstimmten.

Und die katalanische Regionalregierung? Sie hat nun die blutigen Fernsehbilder, die ihr zu internationaler Anerkennung verhelfen sollen. Die "tapferen Demokraten" aus Katalonien wurden von ihrer Regierung und deren professioneller Propagandamaschine eben auch eiskalt instrumentalisiert. Die Unabhängigkeitskämpfer in der Regionalregierung wussten, dass die Situation in Gewalt enden könnte. Einige ihrer Bürger haben diese kalkulierte Eskalation mit schweren Verletzungen bezahlt.

Die EU hat in diesem Konflikt ebenfalls viele Fehler gemacht. Lange sah man die separatistischen Umtriebe in Brüssel und auch in Berlin als Folklore an, später als innerspanischen Konflikt, in den man sich nicht einzumischen habe. Die Katalonien-Frage ist aber spätestens jetzt auch eine Bewährungsprobe für Europa. Die EU darf nicht zulassen, dass Repression (Madrid) und kühl kalkulierter Rechtsbruch (Katalonien) Schule machen.

Katalonien ist nicht die einzige Region der EU, die sich übervorteilt fühlt. Und mancher EU-Staat wird sehr genau darauf achten, ob und wie scharf Brüssel den unverhältnismäßigen Polizeieinsatz gegen Kritiker verurteilt.

Ein falscher Umgang mit diesem Konflikt könnte die schwächelnde EU noch in ganz andere Schwierigkeiten bringen. Es braucht, dringend, erfahrene Krisenmanager in Barcelona und Madrid.