Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont hat nach dem umstrittenen Referendum über die Abspaltung von Spanien das Recht auf Unabhängigkeit seiner Region beansprucht. "Wir haben das Recht gewonnen, einen unabhängigen Staat zu haben", sagte Puigdemont am späten Sonntagabend in Barcelona.

Die spanische Zentralregierung sieht dagegen keine Wählerzustimmung für eine Unabhängigkeit Kataloniens. Es habe kein Unabhängigkeitsvotum gegeben, sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy am Abend in einer Fernsehansprache. Die große Mehrheit der Katalanen sei nicht dem Drehbuch der Sezessionisten gefolgt.

Die katalanische Regionalregierung trage die Schuld an den Unruhen. "Die Verantwortlichen sind die, die das Gesetz gebrochen haben", sagte der konservative Politiker. "Wir haben nur unsere Pflicht erfüllt und das Gesetz befolgt." Spanien sei eine reife, fortschrittliche und tolerante Demokratie, schrieb er auf Twitter. "Und sie ist auch stark und entschlossen, den Rechtsstaat zu verteidigen."

Bei den Polizeiaktionen zur Verhinderung des umstrittenen Unabhängigkeitsreferendums in der spanischen Region Katalonien sind nach amtlichen Angaben Hunderte Bürger verletzt worden. Mindestens 844 Menschen seien verletzt worden und hätten sich medizinisch betreuen lassen, teilte die katalanische Regionalregierung mit.

Die spanische Polizei hatte versucht, Teilnehmern der Abstimmung den Zugang zu den Abstimmungslokalen zu verweigern. Die Beamten gingen mit Gummiknüppeln vor und feuerten Gummigeschosse ab. Die Betroffenen wurden aufgerufen, bei der katalanischen Polizei Anzeige gegen die staatliche Polizeieinheit Guardia Civil zu erstatten. Laut des spanischen Innenministeriums wurden auch elf Polizeibeamte leicht verletzt, unter anderem durch Steinwürfe.

Katalonien - Zahlreiche Verletzte am Rande des Referendums Durch den Polizeieinsatz zur Verhinderung des umstrittenen Unabhängigkeitsreferendums sind dem katalonischen Zivilschutz zufolge Dutzende Menschen verletzt worden. Die spanischen Polizisten feuerten unter anderem Gummigeschosse ab. © Foto: Stringer/Reuters

Ein Sprecher der katalanischen Regionalregierung kündigte juristische Schritte gegen die Zentralregierung in Madrid an. Diese werde sich vor internationalen Gerichten wegen der Gewalt verantworten müssen. Er rechne damit, dass in der Nacht Millionen Stimmzettel ausgezählt würden. Wann die Auszählung abgeschlossen sei, wisse er nicht.

Auch der Präsident von Katalonien hat das Vorgehen der Polizei verurteilt. Die Brutalität werde für immer eine Schande für den spanischen Staat sein, sagte Carles Puigdemont.

Die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, forderte Mariano Rajoy zum Rücktritt auf. "Wenn dies eine Demokratie ist, sollte das Vorgehen der Polizei sofort gestoppt werden, damit wir später einen Dialog haben können, der nötig ist", sagte sie. "Rajoy muss eindeutig zurücktreten, denn er hat versagt", sagte Colau.

Der britische Außenminister Boris Johnson äußerte sich besorgt über die Gewalt. Gleichzeitig sei die Abstimmung aber nach seinem Verständnis verfassungswidrig. "Also muss ein Mittelweg gefunden werden." Er hoffe, dass sich die Lage beruhigen werde.

Merkel telefonierte am Samstag mit Rajoy

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Samstag mit Mariano Rajoy telefoniert. Rajoy habe der Kanzlerin zur Wiederwahl gratuliert und ihr auch die Lage in Spanien vor dem Referendum erläutert, sagte ein Regierungssprecher. Er dementierte spanische Medienberichte, wonach Merkel und Rajoy auch am Sonntag miteinander gesprochen und die Kanzlerin dem spanischen Regierungschef dabei ihre Unterstützung für sein Vorgehen beim Referendum versichert habe.

Die Bundesregierung hatte bereits am 20. September Stabilität beim EU-Partner angemahnt. "Die Bundesregierung hat ein großes Interesse daran, dass die Stabilität in Spanien erhalten bleibt", hatte ein Regierungssprecher damals gesagt. "Deshalb ist es wichtig, dass in allem die Rechtsstaatlichkeit – das heißt natürlich: die spanische Verfassung – eingehalten wird." Dies sei bereits vor zwei Jahren die Haltung von Bundeskanzlerin Merkel gewesen und gelte heute immer noch. Es handele sich aber um eine "innerspanische Angelegenheit". Zugleich hatte die Bundesregierung vor einer Eskalation gewarnt.

SPD-Chef Martin Schulz hat beide Seiten zum Dialog aufgerufen. "Die Eskalation in Spanien ist besorgniserregend", schrieb der langjährige EU-Parlamentspräsident Schulz bei Twitter. "Madrid und Barcelona müssen sofort deeskalieren und den Dialog suchen." 

Nach Ansicht der Grünen im EU-Parlament ist der Polizeieinsatz ein großer Fehler von Ministerpräsident Mariano Rajoy. Beide Seiten müssten an den Verhandlungstisch zurückkehren und die EU-Kommission müsse in dem Konflikt vermitteln.

Der FC Barcelona hatte sein Sonntagsspiel gegen den Fußballverein Las Palmas vor leeren Zuschauerrängen ausgetragen. Damit solle die Unterstützung für all diejenigen zum Ausdruck gebracht werden, denen das Recht auf freie Meinungsäußerung verweigert werde, sagte der Präsident des FC Barcelona, Josep Maria Bartomeu, dem Fernsehsender beIN Sports.

Ursprünglich hatte Barça, Kataloniens Aushängeschild in der Welt, das Match verschieben wollen. Dann wäre aber möglicherweise Las Palmas zum Sieger erklärt und der FC Barcelona mit einer Strafe belegt worden. Bartomeu sagte, die "außergewöhnliche Partie ohne Publikum" erfolge nicht aus Sicherheitsgründen, denn die Sicherheit sei gewährleistet. Das Spiel fand im Camp-Nou-Stadion in Barcelona statt, dem größten Fußballstadion Europas. Die Spieler von Las Palmas trugen Trikots mit der spanischen Fahne, um für die Einheit Spaniens einzutreten. Sie verloren das Spiel mit 0:3.

Das von der katalanischen Regionalregierung ausgerufene Referendum fand trotz einer negativen Entscheidung des Verfassungsgerichts und gegen den Willen der Zentralregierung in Madrid statt. Zur Verhinderung der Abstimmung hatte Madrid etwa 4.000 staatliche Polizisten nach Katalonien geschickt. Sie versuchten, die Wahllokale abzuriegeln und die Stimmabgabe zu verhindern.

Insgesamt waren mehr als 5,3 Millionen Menschen aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Das Referendum ist nicht bindend. Die katalanische Regionalregierung hat dennoch angekündigt, im Falle eines Siegs für das Ja-Lager innerhalb weniger Tage die Unabhängigkeit von Spanien auszurufen. Das Verfassungsgericht hingegen, das die Volksabstimmung für illegal erklärt hat, beruft sich auf die gesetzlich verankerte Unteilbarkeit des spanischen Staates. Der Streit über die Abstimmung hat Spanien in die schwerste Verfassungskrise seit Jahrzehnten gestürzt.