Herbert Lang hat neue Nachbarn bekommen. Im Militärflughafen von Kirkuk sind Mitglieder der Schiitenmilizen eingezogen, nachdem die kurdischen Peschmerga-Soldaten die Stadt verlassen hatten. Mit denen kam der Deutsche, der in einem kleinen Bürohaus dort ein Unternehmen führt, eigentlich super aus. Er half ihnen mit Anträgen für Visa für Deutschland, tauschte deutsches Bier gegen kurdische Spezialitäten und feierte, wie die Feste fielen. Die deutschen Soldaten, die die Peschmerga seit 2014 ausbilden, sah der ehemalige Offizier der Bundeswehr indes in Kirkuk nie. "Die dürfen nicht hierher", sagt er, "das ist zu nahe an der Front." Kampfeinsätze seien nicht der Auftrag der etwa 150 Ausbilder, die aus Deutschland im Nordirak sind: "Kampferfahrung haben die nicht."

Lang unterhält heute eine private Sicherheitsfirma; beschützt, bildet aus, gibt Training an der Waffe. Die US-Armee ist sein Hauptkunde, die Tschechen kommen gleich nach den Amerikanern. In der Schlacht um Mossul lieferte sein Unternehmen Nachschub, bis hin zu Wasserflaschen und aus den USA eingeflogenen Lebensmitteln, zeigte den Soldaten der irakischen Armee und den Peschmerga, wie tschechische Waffen funktionieren. Damals kämpften sie zusammen gegen die Terrormiliz IS, jetzt sind sie Gegner.

Herbert Lang in seinem Büro am Militärflughafen von Kirkuk © Birgit Svensson

Als die irakische Armee mit den Schiitenmilizen auf Kirkuk vorrückte, war Lang nahe Hawija, dem letzten großen IS-Stützpunkt, nur 40 Kilometer südlich von der Millionenstadt entfernt. Als Hawija von den Dschihadisten befreit war, kam der Befehl aus Bagdad, als nächstes Kirkuk von den Peschmerga zurückzuerobern. "Die Schiitenmilizen waren zuerst da", sagt der 47-jährige Mann aus Vilseck in der Oberpfalz, der neben einem US-Trainingslager aufwuchs und damit seine Militärkarriere vorgezeichnet sah. Wie weit die Milizionäre mit der irakischen Armee verzahnt sind und ob ihre von Premierminister Haider al-Abadi beabsichtigte Integration durchgesetzt ist, mag Lang nicht kommentieren. "Ich komme mit allen klar", sagt er, ganz Geschäftsmann.

"Kirkuk geben wir nie wieder her"

Iraks Premier Abadi hat inzwischen verkündet, Kirkuk befände sich wieder vollständig unter der Kontrolle Bagdads. Das Referendum vom 25. September über einen unabhängigen kurdischen Staat sei null und nichtig. Für Kurdenpräsident Masud Barzani ist dies die größte Niederlage seiner politischen Laufbahn. 

Dabei wähnte sich der Kurdenführer im Zenit seiner Macht, als über 90 Prozent seiner Landsleute für einen eigenen Staat stimmten. Jetzt werde er gestärkt in Verhandlungen mit Bagdad eintreten, tönte es aus Erbil, der Kurdenmetropole und heimlichen Hauptstadt des neuen Staates. Doch Bagdad und Premier Abadi lehnten ab, Parlament und Gericht erklärten die Volksbefragung für unzulässig.

Das Problem dabei waren nicht so sehr die vier kurdischen Provinzen Erbil, Dohuk, Suleimanija und Halabdscha im Nordosten Iraks, die ohnehin bereits seit Jahren eine weitgehende Autonomie genießen. Sie haben ein eigenes Regionalparlament, eine eigene Regionalregierung, eigene Gerichtsbarkeit und Grenzkontrollen. Als der Termin des Referendums festgesetzt wurde, reagierte Bagdad zunächst nicht. Doch Barzani wollte sich nicht damit begnügen, lediglich die Autonomiegebiete zu einem eigenen Staat zu machen. Um wirtschaftlich überleben zu können, braucht er die Ölstadt Kirkuk.

Außerdem ist die Stadt für die Kurden, was Jerusalem für die Israelis ist: ein Symbol nationaler Identität. "Kirkuk geben wir nie wieder her", hieß es deshalb allenthalben, als die kurdischen Sicherheitskräfte im August 2014 die Stadt gegen Angriffe der Terrormiliz IS verteidigten, sich dort niederließen und ihren Anspruch auf die Millionenstadt zementierten, die bis dahin unter der Verwaltung Bagdads stand.

Auch weitere Gebiete, wie die Jesidenstadt Sindschar und die Christenstadt Karakosch sollen künftig in den neuen kurdischen Staat eingemeindet werden. Das wurde der Zentralregierung in Bagdad zu viel, Abadi musste handeln. Zusammen mit den Schiitenmilizen der Volksmobilisierungsfront Hashid al-Shaabi marschierten seine Truppen Anfang der Woche in Kirkuk ein, besetzten den Flughafen und alle öffentlichen Gebäude, rissen die kurdische Fahne von der jahrhundertealten Zitadelle und trieben den Gouverneur in die Flucht nach Erbil.