Ich habe mir den Film Krim angeschaut, der Ende September in den russischen Kinos angelaufen ist, beworben mit der Unterzeile "Liebe ist stärker als Hass". Nun hatte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu dem Regisseur Alexej Pimanow den Film vorgeschlagen. Pimanow ist ein Freund des Verteidigungsministers und passenderweise zugleich Chef der Medienholding des Verteidigungsministeriums. Und wenn der Verteidigungsminister seine Finger mit drin hat; wenn sein Ministerium und staatliche Stiftungen den Film finanzieren; wenn die Elite aus Politikern und Showbusiness die Filmpremiere im Hof des Kremls feiert, dann kann es natürlich nicht nur um eine Liebesgeschichte gehen.

Die Liebe zwischen dem friedliebenden Sascha von der Krim und der ukrainischen Maidan-Aktivistin Aljona dient dazu, von anderem zu erzählen: Wie lassen sich die damaligen Lügen und Widersprüche in einer Erzählung auflösen (russische Soldaten haben nichts damit zu tun – russische Soldaten haben die Krim gerettet; Russischsprachige mussten geschützt werden – die Krim ist ein russisches Heiligtum)? Wie können die Ereignisse, die den Russen eine Halbinsel, Sanktionen und internationale Ächtung einbrachten, als Heldenlegende in das kulturelle Gedächtnis eingehen?

Grob zusammengefasst werden in dem Film drei Versuche gemacht, die Ereignisse zu rechtfertigen:

Versuch 1: Die Krim war schon immer russisch. Gleich in der ersten Szene trifft Aljona auf der Krim auf Sascha und erklärt ihm, sie suche nach dem ukrainischen Altertum – Sascha lacht freundlich ob so viel Unsinns. Später scherzt er, er sei wie sein Auto – hergestellt in der Sowjetunion. Seltsamerweise hört es mit diesen nostalgisch-historischen Andeutungen damit auch schon auf, der Regisseur lässt ausgerechnet jenes Narrativ schnell wieder fallen, das in Deutschland mit Vorliebe vorgebracht wird, um die Annexion zu rechtfertigen.

Versuch 2: Die Ukrainer sind grausame Faschisten. Aljona und Sascha stehen im Februar 2014 auf dem Maidan, sie: nationalistisch und verblendet, er: vernunftbegabt und mitfühlend. Warum sie dort stehen, was der Maidan zu bedeuten hat – der Zuschauer erfährt es nicht. Irgendwann schießen Scharfschützen in die Menge, später werden friedliche Berkut-Beamte abgefackelt. Und noch viel später werden Menschen, die mit einem Bus heim auf die Krim wollen, von ukrainischen Faschisten regelrecht abgeschlachtet – womit die weitverbreitete Propaganda des russischen Staatsfernsehens aus dem Jahr 2014 von den blutrünstigen Banderowcy wieder aufgenommen wird, die damals Früchte trug. Als ich Ende Februar 2014 von der Krim berichtete, waren sehr viele, die sich nach der russischen Schutzhand sehnten, davon überzeugt, dass die Banderowcy die russische Sprache verbieten und sie abschlachten würden. Häufig standen Bürgerwehren, die mehr einem Mob als Bürgern glichen, am Bahnhof der Krim-Hauptstadt Simferopol, um "Provokateure" aus Kiew abzufangen. Manches Mal erwischten sie doch nur internationale Journalisten, die per Zug kamen, weil der Luftraum gesperrt war. Einmal sah ich, wie ein Vater mit seiner kleinen Tochter am Rathaus von Simferopol kritisierte, dass die ukrainische Fahne abgehängt und die russische gehisst werde – er war allein und friedlich, wurde aber sofort von einem Mob bedrängt, bis schließlich seine Tochter weinte. Das Recht auf Angst gestand man nur sich selbst zu, niemals anderen.

Versuch 3: Die Ukrainer wollen einen Krieg mit Russland provozieren. Nun wird es wirklich irre: Der Nationalist Mykola (erwähnte ich, dass er skrupellos ist?) erzwingt sich den Zugang zu einer Militärbasis (wo Saschas Vater das Kommando hat) und will einen russischen Flieger abschießen – das würde den Krieg bedeuten. Doch das russische Militär weiß das zu verhindern. Im Abspann wird der Film übrigens jenen Soldaten gewidmet, die nicht aufeinander geschossen haben – klingt edel, ist aber manipulativ: Es war die ukrainische Seite, die keinen Befehl gab, sich gegen die russische Besatzung zu wehren, und deshalb größeres Blutvergießen verhinderte.  

Der Film könnte ein bedeutungsloses Filmchen bleiben, wäre er nicht zugleich ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie der russische Staat derzeit die Rolle der Kultur sieht. Denn während in Russland derzeit Künstler diskutieren, ob sie ihre Projekte von einem autoritären Staat finanzieren lassen dürfen, fordert der Kulturminister, Kunst müsse patriotisch sein. Zensur? Keineswegs: Man müsse ja kein Geld nehmen. Der Regisseur des Films Krim nahm es gern, umgerechnet etwa 5,8 Millionen Euro soll er laut dem Onlinemedium Meduza erhalten haben, um "ehrliches Kino" zu machen und zu erzählen, wie alles ablief und warum sie auf der Krim so vorgegangen sind. Das sind nicht meine Worte, sondern die des russischen Verteidigungsministers.

Während ich den Film in einem kleinen Kinosaal in Moskau sah, standen mittendrin zwei Männer nacheinander auf und gingen. Der Kinosaal war nicht einmal halbvoll. Beim Abspann waren fast alle weg. Auf der russischen Rezensionsseite für Zuschauer, Kinopoisk, schnitt der Film katastrophal ab. Auch Propaganda will gut gemacht sein.

Aber die Begeisterung der Politiker und Sternchen bei der Premiere im Hof des Kremls, ihr donnernder Applaus? Ich vermute: Sie konnten nicht an sich halten, als der Film nach 139 Minuten endlich sein Ende fand.