Ein internes Nato-Papier stellt nach Spiegel-Informationen die Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses im Krisenfall infrage. Das Blatt zitiert aus einem "Fortschrittsbericht über das verstärkte Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv der Allianz", in dem angezweifelt werde, ob die schnelle Eingreiftruppe der Allianz derzeit wirklich zügig und nachhaltig reagieren könnte. Zudem soll es dem Dokument zufolge gerade im östlichen Bündnisteil große Defizite im Bereich der Logistik geben. Damit wäre das Bündnis nicht in der Lage, einen Angriff aus Russland militärisch effizient abzuwehren, heißt es weiter. Grund sei die seit dem Kalten Krieg ausgedünnte Kommandostruktur.

Eine Nato-Sprecherin wollte den Spiegel-Bericht weder bestätigen noch dementieren. Sie wies allerdings darauf hin, dass derzeit Gespräche über eine Modernisierung der Kommandostruktur des Bündnisses laufen. Die Mitarbeiterzahl dort war nach dem Ende des Kalten Krieges über Jahre hinweg drastisch reduziert worden.

Vor allem die Nato-Staaten im Baltikum und in Skandinavien fühlen sich durch Russland bedroht. Sie fürchten eine Eskalation und drängen darauf, die Defizite so schnell wie möglich zu beheben. Der dänische Verteidigungsminister Claus Hjort Frederiksen sagte dem Magazin, Russland habe internationales Recht gebrochen, deshalb müsse die Allianz ihre Strukturen überprüfen. Die Nato sei nur deshalb das stärkste Verteidigungsbündnis der Welt, "weil sie sich seit 70 Jahren ständig an neue Herausforderungen angepasst hat." Eine neue Struktur solle die Nato in "verwundbaren Regionen wie dem Baltikum" unterstützen, forderte der litauische Verteidigungsminister Raimundas Karoblis.

Mitte September hatten die Armeen von Russland und Belarus zum vierten Mal ein gemeinsames Großmanöver an den Grenzen zu Polen und Litauen durchgeführt. Die Nato-Staaten Polen, Litauen, Lettland und Estland hatten die Militärübung Sapad 2017 (zu deutsch: "Westen 2017") mit Sorge betrachtet: Sie fürchten, dass die russischen Soldaten nach der Übung nicht aus Weißrussland abziehen könnten. Laut russischem Verteidigungsministerium sei das Großmanöver "streng defensiver Natur" gewesen und habe sich nicht gegen irgendeinen Staat oder eine Ländergruppe gerichtet. Man wolle auf der Grundlage moderner Konflikte trainieren und die Streitkräfte beider Länder schulen.