Seit dem letzten Rohingya-Aufstand Ende August sind Hunderttausende Menschen vor der Gewalt im Bundesstaat Rakhine in Myanmar geflohen. Die Vereinten Nationen werfen dem Land nach zahlreichen Interviews mit Betroffenen die Vertreibung der muslimischen Minderheit vor. Die Rede ist von "brutalen Angriffen", die "gut organisiert, koordiniert und systematisch" erfolgten. Mit entsprechend viel Empörung und Unverständnis reagieren ausländische Medien seit Wochen auf die anhaltende Krise. Manche sprechen gar von ethnischer Säuberung, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord.

Vereinfacht lautet die Lesart des gegenwärtigen Konflikts: Ein ignoranter, womöglich islamophober Staat geht mit größter Brutalität gegen eine arme, verfolgte Minderheit vor. Diese Sicht ist nicht nur verkürzt, sie überdeckt mögliche Lösungen. Der Rohingya-Konflikt ist nämlich nur einer von vielen ethnischen Konflikten, mit denen die Zentralregierung konfrontiert ist – und die sie von einer Militärdiktatur geerbt hat, die bis heute nicht von ihrer Macht lassen will. In diesem größeren Kontext muss der Rohingya-Konflikt verstanden werden.

Das Jahr 1948 markiert sowohl die Unabhängigkeit als auch die Gründung des multiethnischen Zentralstaates. Es markiert aber auch den Beginn separatistischer Kämpfe. Die Ursachen gehen auf die Zeit der Kolonialisierung zurück, als die Briten mit ihrer Politik Ressentiments und Unabhängigkeitsbestrebungen an den Grenzen Myanmars förderten. Mit der Kolonialisierung entstand aber auch überhaupt erst die Idee, das Gebiet des heutigen Myanmar als politische und nationale Einheit zu begreifen.

Myanmar beziehungsweise Burma war und ist ein Mosaik aus verschiedenen Ethnizitäten, Sprachen und kulturellen Traditionen. Trotz dieser Ausgangsbasis war es dem Vater der jetzigen Regierungschefin Aung San Suu Kyi zunächst gelungen, die ethnischen Gruppen von einem föderal organisierten myanmarischen Staat zu überzeugen. Nach seiner Ermordung 1947 gelangte aber eine Militärjunta mit einem zentralistischen Paradigma an die Macht. Gegen das kompromisslose Regime erhoben sich die ethnischen Gruppen. Seit der Staatsgründung, vor allem aber ab Ende der Fünfzigerjahre und Anfang der Sechzigerjahre, kämpfen quasi alle ethnischen Gruppen an den Staatsgrenzen mit Waffengewalt gegen das Regime. Statt neue Strategien des Zusammenlebens zu entwickeln oder Eingeständnisse zu machen, fürchtete die Militärführung um ihre Macht und führte ihren Kurs mit Härte fort. Sie beschnitt die bereits vorhandenen Rechte der ethnischen Gruppen und sicherte sich durch ihre vermeintlich ordnenden Eingriffe eine herausragende Stellung im Staatssystem. 

Gewalt an den Grenzen

Erst nach der gewaltsamen Niederschlagung des friedlichen, prodemokratischen Volksaufstands 1988 durch das Militär und dem Wechsel zu einem neuen Militärregime bemühte sich die Regierung um Waffenstillstandsverträge mit den ethnischen Rebellenarmeen. Diese wurden jedoch immer wieder durch schwere Kämpfe durchbrochen. Dem Militär werden seit jeher Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen und nachgewiesen. Zivilisten wurden vertrieben, Dörfer verbrannt. Massenvergewaltigungen und Zwangsarbeit waren weit verbreitet. Doch dem Vorwurf der Menschenrechtsverletzungen müssen sich nicht nur myanmarische Militärs stellen, sondern auch die verschiedenen Paramilitärs der separatistischen Gruppen. Dennoch: Die Dominanz und Macht in den Konflikten behielt das myanmarische Militär.

Die aktuelle Regierung unter Aung San Suu Kyi knüpfte an verschiedene Friedensabkommen an und schloss neue ab. Gewalttätige Auseinandersetzungen in den Grenzregionen – aktuell vor allem im Bundesstaat Rakhine, aber auch in den Bundesstaaten Kachin und Shan – bestehen jedoch aufgrund der politischen Differenzen fort und behindern jeden Fortschritt. Gleichzeitig sind die ethnischen Gruppen nicht sicher vor der alltäglichen Diskriminierung und Unterdrückung durch das Militär. Außergewöhnlich hart trifft das derzeit die Rohingya, eine muslimische Gruppe im Bundesstaat Rakhine. Ihnen wurde im Gegensatz zu anderen ethnischen Gruppen die Staatsangehörigkeit entzogen beziehungsweise verweigert. Diese Situation ermöglichte es, Restriktionen und Diskriminierungen zu legitimieren und sie als illegale Einwanderer zu bezeichnen.