ZEIT ONLINE: Frau Hassan, in Kairo haben sich Vertreter der beiden rivalisierenden Palästinenserorganisationen Fatah und Hamas auf  in Abkommen zur Versöhnung verständigt. Wie realistisch ist eine Versöhnung?

Zaha Hassan: Es gibt noch viel zu tun, aber ich bin vorsichtig optimistisch. In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Versöhnungsversuche gegeben und alle sind gescheitert. Nun bietet die Hamas der Fatah an, die Verwaltung des Gazastreifens zu übernehmen. Es gibt noch viele offene Fragen, wie die Übertragung der Kontrolle konkret aussehen soll. Aber das Abkommen ist ein Anfang.

ZEIT ONLINE: Seit Jahren herrscht ein Bruderkrieg zwischen beiden Organisationen. Die Hamas hatte 2007 gewaltsam die Macht im Gazastreifen an sich gerissen und die Fatah vertrieben. Seither beherrscht sie den Gazastreifen, die Fatah das Westjordanland. Warum sollte es plötzlich eine Einigung geben?

Hassan: Die Lage für die fast zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens ist desaströs. Nach drei Kriegen zwischen der Hamas und Israel ist Gaza verwüstet, auch setzt Israels Blockade den Menschen enorm zu. Die Infrastruktur ist zerstört, es herrscht Wohnungsmangel und viele Menschen leben in Notunterkünften. Das Trinkwasser ist verschmutzt, es gibt kaum Strom und Medikamente. Berichte belegen, dass Gaza in einigen Jahren unbewohnbar sein wird, wenn sich nichts ändert. Einfach so weiterzumachen würde also ein unkalkulierbares humanitäres Risiko für die Menschen dort bedeuten. Auch ist die Hamas international isoliert wie nie, außer der Türkei und Katar hat sie kaum noch Unterstützer. Zudem übt Ägypten großen Druck auf beide Seiten aus.

ZEIT ONLINE: Welches Interesse hat Ägypten an einer Einigung?

Hassan: Die ägyptische Regierung teilt eine Grenze mit dem Gazastreifen und will nicht zwei Millionen Menschen auf der anderen Seite haben, die unter miserablen Bedingungen leben. Die Hamas braucht die offene Grenze zu Ägypten, um wieder Zugang zur Außenwelt zu haben. Deswegen ist Ägypten gerade ihr wichtigster Verbündeter. Ägypten hat auch Interesse an einer guten Beziehung zu den USA. US-Präsident Donald Trump wiederum weiß, dass es einen ultimativen Friedensdeal zwischen Israel und Palästina nur geben kann, wenn die beiden Palästinenserorganisationen versöhnt sind. Einigkeit zwischen beiden Gruppen ist die Voraussetzung für alle weiteren Entwicklungen im Friedensprozess.

ZEIT ONLINE: Wie sehr hat die Fehde zwischen Hamas und der Fatah die Lage im Gazastreifen noch verschlechtert?

Hassan: Das Hauptproblem für die Palästinenser ist natürlich die Besatzung. Israel erhält die Blockade aufrecht, am Meer, auf dem Land, in der Luft. Dieses Embargo hat in erster Linie dafür gesorgt, dass die Lage in Gaza so katastrophal werden konnte.

Der innerpalästinensische Konflikt hat die Situation der Menschen in Gaza aber nicht einfacher gemacht. Vor einigen Monaten hat die Hamas eine De-facto-Regierung für den Gazastreifen ausgerufen, woraufhin der Präsident der Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, drastische Maßnahmen ergriff. Abbas zahlt nicht mehr für israelische Stromlieferungen nach Gaza, er entließ Dutzende Mitarbeiter der Autonomiebehörde, er lässt weniger Medikamente nach Gaza liefern. Viele hoffen nun, dass die Einigung von Fatah und Hamas ein erster Schritt sein wird, um zumindest die Grenze zu Ägypten zu öffnen. Nur so können Hilfslieferungen und Lebensmittel reinkommen, die zerstörte Infrastruktur aufgebaut und das Abwasser gereinigt werden, das bisher oft ungeklärt ins Meerwasser fließt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Israel eine mögliche Aussöhnung der Palästinenser?

Hassan: In der Vergangenheit hat Israel Verhandlungen zwischen der Fatah und der Hamas als Ausschlusskriterium für einen Friedensprozess mit den Palästinensern betrachtet. Aber Israel hat auch ein Sicherheitsinteresse und möchte zudem keine humanitäre Katastrophe in Gaza. Premier Benjamin Netanjahu hat ein Grundinteresse an einer Aussöhnung. Deswegen muss man jetzt abwarten, wie er sich dazu verhalten wird. 

ZEIT ONLINE: Abbas war kürzlich in den USA, um dort US-Präsident Trump zu treffen und vor den UN zu sprechen. Trump dürfte kein Interesse daran haben, eine Regierungskoalition mit der Hamas zu verkünden, die von den USA und international als Terrororganisation eingestuft wird.

Hassan: Trump will eine Einigung zwischen Israel und den Palästinensern. Er möchte sein Versprechen einlösen, dass er den ultimativen Friedensvertrag aushandeln kann. Um das zu erreichen, braucht er eine Ansprechperson in Gaza, jemanden wie Abbas. Zugleich hat Trump klargemacht, dass der Kampf gegen den Terror oberste Priorität hat. Er unterscheidet dabei nicht: Für Trump ist die Hamas ebenso eine Terrororganisation wie der IS oder Al-Kaida. Deswegen wird es ein Eiertanz für die USA, wenn sie die Hamas in einer Regierung akzeptieren muss.