Das "s" in Unesco steht für scientific. Politik und Religion haben neben der Wissenschaft eigentlich nichts verloren in der für Bildung und Kultur zuständigen Unterorganisation der UN. Möchte man meinen. Dass die Realität anders aussieht, ist dennoch kaum überraschend – ebenso wenig wie der angekündigte Austritt der USA aus der Unesco zum Jahresende. Ihren Mitgliedsbeitrag haben die Vereinigten Staaten bereits seit 2011 nicht mehr gezahlt, so lange reicht der wohl härteste Konflikt der Organisation zurück: Damals ermöglichte eine qualifizierte Mehrheit den Beitritt Palästinas als Vollmitglied. Auch Israel, das nun ebenfalls austreten will, zahlt seither nichts mehr ein.

Mit Donald Trumps Faible für den Rückzug aus jeglichen internationalen Verpflichtungen, die aus seiner Sicht nur Geld kosten, aber nichts bringen, hat dieser Schritt nur bedingt zu tun. Sicher mag es Trump schwerfallen, Sympathien für eine Organisation aufzubringen, die zumindest in Teilen für Meinungsfreiheit und den Schutz von Minderheiten arbeitet; die sich im Übrigen nicht von den USA sagen lässt, was geht und was nicht. Ihr Stimmrecht in der Unesco hatten die Amerikaner nach der Einstellung der Zahlungen 2013 verloren – für den Präsidenten hat das womöglich keinen großen Unterschied gemacht: abstimmen, Mehrheiten organisieren oder sich ihnen gar unterordnen, das liegt ihm bekanntermaßen nicht. Allerdings hatten die Vereinigten Staaten schon unter Barack Obama nur mehr mäßiges Interesse an der Zusammenarbeit im Rahmen der Unesco gezeigt.

Das gilt auch für andere Organisationen oder Verträge: Die USA traten unter Trump vom Pariser Klimaabkommen zurück. Dem Internationalen Strafgerichtshof sind sie gar nicht erst beigetreten – wie Russland, Israel und der Sudan. Der Nukleardeal mit dem Iran steht zur Disposition. Eine Weltmacht lässt sich nicht gern durch internationale Abkommen und Institutionen binden. Obama hatte diese Politik nur ein wenig abgemildert, Trump verabschiedet sich in aller Konsequenz davon: weil er geradezu beseelt ist von der Vorstellung, alles im Alleingang am besten zu können.

Politik mit Formulierungen wie "israelische Besatzungsmacht"

Im aktuellen Fall vollzieht Trump nur, was er von Obama geerbt hat: Die US-Regierung ist im Grunde durch ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz gezwungen, keine Organisationen zu unterstützen, die Palästinas Staatlichkeit durch Mitgliedschaft aufwertet. Es ist jedoch auch nicht von der Hand zu weisen, dass die Unesco ein Problem hat und die Kritik der USA ins Mark trifft. Der Nahostkonflikt steht im Mittelpunkt der Vorwürfe. In der Tat gibt es Belege dafür, dass sich in den vergangenen Jahren innerhalb der Organisation eine Haltung durchgesetzt hat, die Israel und seine Freunde nicht als neutral verstehen können. Der Streit um die Aufnahme Palästinas war dafür nur ein Symbol. Viel schwerer dürfte wiegen, dass die Unesco mit einer ganzen Reihe von Resolutionen und Entscheidungen im Grunde ein ideologisches Geschichtsbild zeichnet, das wissenschaftlich kaum haltbar ist.

Wie es beispielsweise mit der Idee von Verständigung und internationaler Bildung zusammenpasst, wenn wiederholt eine historische Verbindung des Judentums zum Tempelberg infrage gestellt wird, ist schwer zu begreifen: Im vergangenen Jahr etwa hatte die Unesco eine Resolution formuliert, die Israel vorwirft, den "Status quo" an den heiligen Stätten dort zu stören. Zwar erwähnte das Dokument "die Wichtigkeit der Altstadt von Jerusalem und ihrer Mauern für die drei monotheistischen Religionen", doch nur um dann von ebendiesem Ort zum wiederholten Mal ausschließlich als muslimische Stätte mit dem Namen "Al-Aksa Moschee/Al-Haram asch-Scharif und Umgebung" zu sprechen. Verständlich, dass nicht nur Israel dies als Affront empfand.

Im Mai dieses Jahres kritisierte ein Unesco-Gremium noch einmal ausdrücklich die israelische Politik im Ostteil von Jerusalem. In dem veröffentlichten Resolutionstext ist von der "israelischen Besatzungsmacht" die Rede. Verweise, dass es zwar um den Erhalt des kulturellen Erbes Palästinas und den unverwechselbaren Charakter Ostjerusalems gehe, solche Entscheidungen aber in keiner Weise relevante UN-Resolutionen zum rechtlichen Status Palästinas beeinflussen sollen, sind ein unaufgelöster Widerspruch.

"Eine Organisation von Staaten, natürlich ist sie politisch"

Im Juli erklärte die Unesco schließlich Gebäude der Altstadt von Hebron im Westjordanland zu "palästinensischen Welterbestätten". Wieder ging es in der Kritik gegen die Entscheidung vor allem um das politische Signal, dass die islamischen Bezüge hervorgehoben werden, jüdische und christliche Traditionen hingegen ignoriert werden. In Hebron liegen die von Juden, Christen und Muslimen verehrten Patriarchengräber, in denen nach biblischer Überlieferung unter anderem die Stammväter Abraham und Isaak begraben sind. Die Palästinenser hatten auf den Schutzstatus gedrängt, weil sie den jüdischen Siedlern Zerstörungen in der Altstadt vorwerfen. Hebron ist seit 1998 zweigeteilt: 50.000 Palästinenser leben im von der Palästinensischen Autonomiebehörde kontrollierten Teil, etwa 800 jüdische Siedler im israelischen.

"Die Unesco ist eine Organisation von Staaten, natürlich ist sie politisch", sagt Klaus Hüfner, der mehr als 40 Jahre lang für die Unesco und die deutsche Unesco-Kommission ehrenamtlich gearbeitet hat. Der frühere Berliner Wirtschaftsprofessor sieht dennoch Spielraum für Reformen: wenn mehr Experten entscheiden würden und weniger Politiker. Bisher sei die Unesco immer auf Konsens ausgerichtet gewesen, das sei in der jüngeren Vergangenheit allerdings einige Male durchbrochen worden – zum Beispiel bei der Entscheidung zur Anerkennung Palästinas.