Den wahrhaftigsten Satz sagte Österreichs Kanzler Christian Kern (SPÖ) gleich zu Beginn der letzten TV-Debatte vor der Wahl: "Diesen Wahlkampf hätten wir uns sparen können." Damit sprach er nicht nur für sich selbst, sondern auch für viele österreichische Wähler – und inzwischen offenbar auch für seine politische Konkurrenz. 

"Nicht nur die Spitzenkandidaten sind froh, wenn bald gewählt wird", sagte der Herausforderer Sebastian Kurz (ÖVP). Und selbst FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, berüchtigt für stramme Rhetorik, räumte ein, für manches im Wahlkampf hätte man "sich hinstellen und Entschuldigung sagen müssen". Auch Ulrike Lunacek von den Grünen sprach von einem Tiefpunkt, den sie so nicht noch einmal sehen wolle.

Die drei Spitzenkandidaten der großen Parteien sowie die Parteichefs der Grünen und der liberalen Neos hatten sich an einem langen, geschwungenen Tisch im Studio des ORF versammelt – um erstaunlich versöhnlich miteinander zu sprechen. Denn hinter ihnen lag ein Wahlkampf, so schmutzig, wie ihn das Land nie zuvor gesehen hat. 

Unzählige TV-Duelle, kaum Sachlichkeit

Das hat nicht nur, aber auch mit dem Fernsehen zu tun. In mehr als einem Dutzend TV-Duellen standen sich die Spitzenkandidaten der Parteien in ständig wechselnden Zweier- oder Dreier-Konstellationen gegenüber. Neben dem öffentlich-rechtlichen ORF kaperten auch die Privaten das Format. Insgesamt jedoch trug das Duell-Setting kaum zur Versachlichung des ohnehin hitzigen Wahlkampfs bei. Bis eben auf diese letzte Debatte.

Die Ausgangslage: Der Wahlkampf begann im Frühjahr schon außergewöhnlich gallig, als Sebastian Kurz erst den alten ÖVP-Parteichef, gegen den er monatelang intrigiert hatte, absetzte, die Partei übernahm und sich selbst zum Kanzlerkandidaten machte – um kurz darauf die große Koalition aufzukündigen und die an diesem Sonntag stattfindende Neuwahl zu erzwingen.

Die Sozialdemokraten kritisierten dieses Vorgehen. Dabei waren sie im Januar beinahe selbst den Schritt gegangen. Doch Kanzler Kern, der damals noch von einer Anfangsbegeisterung profitierte, entschied sich dagegen. Er wollte sich lieber noch mal mit der ÖVP zusammenraufen. Ein strategischer Fehler, denn sein Verhandlungspartner, der damalige ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner, war zu dem Zeitpunkt im Prinzip schon abgemeldet. Als Mitterlehner dann weg war, zögerte Kurz nicht, die Koalition platzen zu lassen.

Groll, Schmutzkampagnen und Korruptionsermittlungen

So kam es, dass der Wahlkampf von vornherein mit reichlich Groll geführt wurde. Das Niveau der politischen Debatte sank zunächst durch den stramm rechten Kurs, den Kurz seiner Volkspartei bei den Themen Migration und Islam verordnete. Mit Erfolg: Die ÖVP konnte den bis dahin führenden Rechtspopulisten von der FPÖ Stimmen abnehmen. Kurz liegt seitdem in allen Umfragen vorn, was allerdings dazu führte, dass auch die FPÖ auf Kosten der anderen Parteien aufdrehte.

Österreich - »Eine ganz normale Partei« In Wels regiert seit 2015 die rechtspopulistische FPÖ. Ihr Bürgermeister setzt auf »pragmatische Lösungen« und einen Stammtisch, bei dem Bürger ihren Frust loswerden können. © Foto: Joe Klamar/AFP/Getty Images

Die Schwerpunkte verschoben sich erst, als Kerns Wahlkampfberater, Tal Silberstein, Mitte August in Israel wegen Korruptionsvorwürfen vorübergehend festgenommen wurde. Kern musste ihn entlassen, doch um einen Imageschaden zu vermeiden, war es zu spät. In Rumänien wurde bereits länger gegen Silberstein ermittelt. Damals hatte Kern noch beschwichtigt: Silberstein mache nur Umfragen für die SPÖ.

Als dann auch noch Medien darüber berichteten, dass Silberstein und damit die Sozialdemokraten für die Facebook-Seiten Die Wahrheit über Sebastian Kurz und Wir für Sebastian Kurz verantwortlich seien, war das ein Tabubruch für die politische Kultur in Österreich – ein Land, das spätestens seit Jörg Haider einiges gewöhnt ist. Auf den Seiten wurden Lügen über den politischen Gegner und zum Teil antisemitische Anfeindungen verbreitet: eine Schmutzkampagne ohne Impressum. Und auch wenn in der SPÖ niemand davon gewusst haben will, musste Kern mitten im Wahlkampf seinen Parteigeschäftsführer austauschen.

Ausgerechnet der FPÖ-Chef zog über den politischen Sittenverfall her

Von da an war Kern in der Defensive. Kurz dagegen musste sich nur noch als Opfer einer politischen Schmutzkampagne inszenieren. Er mache bei dem ganzen "Anpatzen" nicht mehr mit, wiederholt er seit Wochen. Natürlich nicht, ohne dann selbst ständig Spitzen in Richtung Gegner zu schicken. Seine Kernbotschaft, wonach es Zeit sei für eine "echte Veränderung im Land", passt dazu.

Und dann ist da noch der Dritte im Bunde, FPÖ-Chef Strache. Der Veränderer, der Aufräumer, das war seine Rolle. Ausgerechnet der Mann, der in seiner Jugend in rechtsradikalen Burschenschaften focht und mit Neonazis bei Wehrsportübungen durch die Wälder robbte, konnte im Wahlkampf mit der Aura der moralischen Überlegenheit über den Sittenverfall im politischen System herziehen.