Wenn Israelis ihr Land verteidigen wollen, dann erwidern sie denjenigen, die behaupten, Israel sei keine Demokratie, ganz stolz, dass immerhin ein ehemaliger Staatspräsident, Mosche Katzav, wegen sexueller Belästigung im Gefängnis sitze. Oder bis vor Kurzem auch der ehemalige Premierminister Ehud Olmert wegen Korruption. Und auch der eine oder andere Minister sei in der Vergangenheit schon wegen Bestechung im Knast gelandet.

Eine sicherlich etwas abstruse Antwort, doch sie zeigt tatsächlich, dass die Justiz in Israel nicht einmal vor höchsten Würdenträgern und Politikern zurückschreckt, wenn es darum geht, strafrechtliche Verfehlungen zu untersuchen und auch zu ahnden. Die Rechtsorgane in Israel haben alle Hände voll zu tun. Denn die Korruption in dem kleinen Land blüht. Politik und Wirtschaft und seit Neuestem möglicherweise auch das Militär scheinen in Sachen Bestechung, Betrug und Korruption tief ineinander verstrickt zu sein.

Seit Monaten verfolgen Israelis gebannt, wie die Behörden gegen ihren Premier Benjamin Netanjahu ermitteln. Und das in gleich vier Fällen. Nachdem Anfang des Jahres die Staatsanwaltschaft aus "vorläufigen Untersuchungen" nun "Ermittlungen wegen krimineller Aktivitäten" gemacht hat, scheint es für den Premier allmählich eng zu werden.

Die Oberaufsicht über die laufenden Ermittlungen trägt Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit, die Fälle nennen sich 1000, 2000, 3000 und seit Kurzem auch 4000. In allen vier Fällen scheint Netanjahu involviert zu sein.

Netanjahus Kampf gegen die Medien

Der Fall 1000: Netanjahu und seiner Frau Sara wird vorgeworfen, von zwei Personen Zigarren, Whiskey und Schmuck im Wert von mehreren Hunderttausend Israelischen Schekel (über 20.000 Euro) angenommen zu haben. Einer der Wohltäter ist der Hollywoodproduzent und Milliardär Arnon Milchan. Milchan bestreitet nicht, Netanjahu Geschenke gemacht zu haben. Doch für diese Geschenke soll sich Netanjahu angeblich verbindlich gezeigt haben. Milchan wollte Anteile am privaten israelischen Fernsehsender Channel 2 kaufen. Bei den Verhandlungen soll Bibi, wie die Israelis ihren Premier nennen, sogar dabei gewesen sein. Aus Kartellgründen hätten für den Kauf neue Gesetzesgrundlagen geschaffen werden müssen.

Netanjahu, so wird vermutet, soll großes Interesse an dem Deal gehabt haben, hätte er ihm doch großen Einfluss auf den Sender ermöglicht. Seit Jahren führt Netanjahu einen Kampf gegen die Medien, vor allem gegen die Sender und Zeitungen, die ihm mit investigativem Journalismus und Kritik gegenüberstehen. Der Deal kam nicht zustande, weil andere Teilhaber des Kanals dagegen waren.

Der Fall 2000: Ari Harow, Bibis ehemaliger Bürochef, hat Treffen und Gespräche zwischen Netanjahu und dem Verleger Arnon Moses aufgenommen. Moses, dem die wichtigste israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth gehört, ist ein vehementer Gegner Netanjahus. Sein Blatt ist dementsprechend kritisch gegenüber der Politik des Premiers. Doch Yedioth leidet an starkem Auflagenschwund, seitdem der US-amerikanische Milliardär und Netanjahu-Freund Sheldon Adelson die Zeitung Israel HaYom auf den israelischen Markt gebracht hat. Das Blatt gibt es umsonst und wird längst als Sprachrohr des Premierministers angesehen. Vor allem ärmere Israelis fragen sich, wozu sie jeden Tag Geld für Yedioth ausgeben sollen, wenn sie Israel HaYom umsonst bekommen können.

Die Tonbänder von Ari Harow sollen nachweislich belegen, dass Netanjahu Moses einen Deal vorgeschlagen hat: Yedioth solle besser über ihn berichten, dafür werde er, Bibi, dafür sorgen, dass Israel HaYom auf dem Markt nicht mehr eine so große Rolle spielen würde. Wie beim Fall 1000 ist auch in diesem Fall nichts aus den Plänen geworden.