ZEIT ONLINE: Die rechtspopulistische FPÖ steht in Umfragen zwischen 20 und 30 Prozent, sie wird wohl zweit- oder drittstärkste Kraft bei den Nationalratswahlen. Was macht sie so stark?

Anton Pelinka: Vor einem Jahr lag die Freiheitliche Partei sogar in allen Umfragen auf Platz eins. Dann kam Sebastian Kurz und hat ihr mit seiner ÖVP viele Stimmen abgenommen. Das große Thema an der Oberfläche ist sicherlich die Ablehnung von Zuwanderung und Flüchtlingen. Dahinter verbergen sich die Abstiegsängste der sozial Schwächeren, der sogenannten Modernisierungsverlierer.


ZEIT ONLINE: Wer sind ihre Wähler?

Pelinka: Die FPÖ-Wähler sind vor allem Menschen ohne höhere Bildung, überdurchschnittlich häufig Männer und sie stammen eher aus dem nicht urbanen Raum. Bei den Menschen mit höherer Bildung ist sie kaum vertreten. Das heißt: Die Freiheitliche Partei ist die Arbeiterpartei – eine von mehreren Parallelen mit dem Front National in Frankreich.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es, dass die Rechtspopulisten in Österreich und anderswo die Arbeiter erreichen?

Pelinka: Das, was früher mal Proletariat hieß, ist heute das Kleinbürgertum – geplagt von Verlust- und Abstiegsängsten. Diesem Milieu geht es in westlichen Ländern relativ gut, verglichen mit dem arbeitenden Proletariat von vor drei Generationen. Sie haben was zu verlieren. Sie bemerken die internationale Konkurrenz, die in Form von Migranten auch zu ihnen kommt. Und darauf reagieren sie mit Angst, Ablehnung und Fremdenfeindlichkeit.

"Die Wurzeln der FPÖ liegen in der NSDAP"

ZEIT ONLINE: Wie können linke Parteien gegensteuern, die ja für sich in Anspruch nehmen, die sozial Schwachen zu repräsentieren?

Pelinka: Teilweise hat das wenig Aussicht auf Erfolg. Dieses Kleinbürgertum ist eine Schrumpfgröße. Sie werden immer weniger, das ist auch Teil ihrer Sorge. Es wächst überall im Westen die Gruppe der besser gebildeten, postmaterialistischen Globalisierungsgewinner. Und die wählen ihrem Wesen nach insgesamt eher liberal und links. Die grünen Parteien hat es vor 50 Jahren noch nicht gegeben, inzwischen sind sie überall im Westen etabliert. Das sind linke Parteien, sie waren aber nie proletarisch. Die traditionellen Arbeiterparteien hingegen sind strukturell überfordert davon, sowohl proletarisch zu sein, als auch das fortschrittliche, jüngere Bildungsbürgertum anzusprechen. Deswegen steht die SPD so schlecht da, deswegen kriselt die SPÖ. Macron in Frankreich hat den Spagat fürs Erste geschafft, die französischen Sozialisten nicht.

ZEIT ONLINE: Auch die FPÖ von heute ist nicht mehr dieselbe Partei wie zu ihrer Gründung 1955. Wie hat sie sich verändert?

Pelinka: Die Wurzeln der FPÖ liegen in der NSDAP. Die FPÖ war eine postnazistische Partei, gegründet von einem ehemaligen SS-Brigadeführer – als Partei von ehemaligen Nazis für ehemalige Nazis. Sie war eine rechtsextreme Partei mit einer deutschnationalen Grundhaltung. Sie blieb aber bis in die 1980er Jahre eine Fünfprozentpartei mit einer bäuerlichen, altmodischen Wählerschaft. Das hat sich radikal geändert unter Jörg Haider. Er öffnete die Freiheitliche Partei für die enttäuschten unteren Mittelschichten.

ZEIT ONLINE: Wie kam dieser Zuwachs?

Pelinka: Die Partei hat den Rechtspopulismus entdeckt. So hat sie den Deutschnationalismus weitgehend weggeschoben und ist irrsinnig Österreich-patriotisch geworden. Vor 50 Jahren hätte man auf keiner freiheitlichen Veranstaltung rot-weiß-rote Fahnen geschwenkt, das macht der heutige Parteiführer Heinz-Christian Strache ununterbrochen. Dieser Rechtspopulismus war immer gegen Fremde – auch gegen Deutsche. Die alte FPÖ war offen für einen Beitritt zur Nato. Heute gibt sich die FPÖ als Gralshüterin der österreichischen Neutralität, ist gegen die Nato und EU-skeptisch.

ZEIT ONLINE: Warum kam und kommt dieser Populismus in Österreich so gut an?

Pelinka: In Österreich war diese Tabuisierung von Rechtsaußenparteien nie so stark wie in Deutschland. Auch weil Österreich ja schon Ende April 1945, also vor der deutschen Kapitulation, eine neue, antifaschistische Regierung, bestehend aus Sozialdemokraten, Volkspartei und ein paar Kommunisten hatte. Das heißt, Österreich konnte sich erfolgreich vom deutschen Schlamassel distanzieren.

"Taktischer Philosemitismus"

ZEIT ONLINE: Die FPÖ ist inzwischen die dritte Volkspartei. Hat der Drang zur Macht sie gemäßigt?

Pelinka: Ja und nein. Extremismus ist mehrdimensional. Zum Beispiel spricht die FPÖ heute davon, dass der Nationalsozialismus Verbrechen begangen hat. Strache und andere prominente Freiheitliche fahren nach Israel und besuchen die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem – all das war bis vor Kurzem noch unmöglich. Das ist ein gewisser Abschied vom Radikalismus. Dafür hat sie einen neuen Extremismus für sich entdeckt: gegen Zuwanderung und den Islam. Auch in dieser Entwicklung gleicht sie dem Front National.

ZEIT ONLINE: Strache geht sogar so weit, dass er sich als Schutzmacht der Juden gegen den Islam aufspielt.

Pelinka: Die Freiheitliche Partei betont, wenn es ihr passt, auch gerne, dass sie einen jüdischen Abgeordneten im Parlament hat. Schon Haider hat einen jüdischen Vertreter ins EU-Parlament geschickt. Es gibt in der FPÖ etwas wie einen taktischen Philosemitismus.

ZEIT ONLINE: Inzwischen regiert die FPÖ in zwei Bundesländern mit, sie stellt Bürgermeister und könnte nach der Wahl an einer Bundesregierung beteiligt sein. Was wäre von der Partei an der Regierung zu erwarten?

Pelinka: Als die FPÖ in den frühen 2000ern auf Bundesebene mitregiert hat, verlor sie innerhalb von zweieinhalb Jahren zwei Drittel ihrer Wähler. Weil sie sich ununterbrochen blamiert hat: interne Konflikte, Streitereien, unfähige Minister, uneingelöste Versprechen. Aber ob sich die Partei an der Macht noch mal so zerlegen wird, ist völlig offen. Eine autoritäre Wende, Einschnitte in Meinungs- und Pressefreiheit und die unabhängige Justiz wird es aber in Österreich auch mit einer Regierung Kurz-Strache nicht geben.