Alles begann mit einem zornigen älteren Herrn: als Vizekanzler und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner Mitte Mai entnervt den Laden hinschmiss und zurücktrat. Monatelang hatten Sebastian Kurz und seine Getreuen am Sessel des Parteichefs gesägt, er galt nur noch als Politiker auf Abruf. Kurz hatte längst eine innerparteiliche Parallelstruktur aufgezogen, als er die Partei übernahm, wurden die Konzepte und Strategien schlagend: Innerhalb kürzester Zeit krempelte er die Partei um, stellte sich selbst mit umfassenden Vollmachten an die Spitze und kündigte die Koalitionsregierung auf – die sein Umfeld zuvor immer wieder torpediert hatte.

Und plötzlich sah die verstaubte ÖVP wieder ganz frisch aus. Ein Kurz-Hype durchzog das Land, in Umfragen holten die Konservativen auf und erklommen rasch den ersten Platz. Die Partei rückte nach rechts, so weit, dass selbst die hart gesottene FPÖ nicht recht wusste, wie sie da noch eines draufsetzen soll.

Österreich-Wahl - Kandidaten geben sich kämpferisch Der ÖVP-Chef Sebastian Kurz könnte eine Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ anstreben. Aber auch SPÖ-Kanzler Kern hofft auf ein gutes Ergebnis. © Foto: Robert Jäger / APA / dpa

Die Sozialdemokraten unter dem noch vor Kurzem als roten Heiland gepriesenen Christian Kern wurde unvorbereitet erwischt. Hektisch wurde ein Wahlkampfteam zusammengetrommelt, man kaufte Leute aus anderen Parteien ein, vor allem von den liberalen Neos und ein international erfahrener Wahlkampfberater wurde zur Schlüsselfigur: Tal Silberstein. Was dann geschah, konnte keiner ahnen.

Prügelnde SPÖ-Mitarbeiter

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll bei dieser österreichischen Tragödie. Bei dem ORF-Journalisten, der von einem ÖVP-Kandidaten gezielt kurz vor einem großen Interview mit Bundeskanzler Kern mit dem Vorwurf angegriffen wurde, er habe mit dem Regierungschef einen Urlaub verbracht? Bei der Prügelei zwischen SPÖ-Mitarbeitern in der Parteizentrale? Bei der Studie über islamische Kindergärten, die von Mitarbeitern des Außenministeriums zugespitzt worden sein soll? Oder doch bei Silberstein, dem Mann, der, obwohl seit Langem abwesend, den Wahlkampf mehr geprägt hat als jeder Spitzenkandidat.

Silberstein wurde Mitte August in Israel verhaftet, ihm wird zusammen mit anderen Geldwäsche in Milliardenhöhe, Bestechung und Urkundenfälschung vorgeworfen. Mit dem österreichischen Wahlkampf hat das zwar nichts zu tun, doch nun war Alarmstimmung in der SPÖ. Dokumente aus der Partei tauchten plötzlich auf, in denen ein höchst uncharmantes Bild von Christian Kern gezeichnet wird. Die Leaks gingen weiter, die SPÖ stand unter Dauerbeschuss und die ÖVP empörte sich öffentlichkeitswirksam über die schmutzigen Wahlkampfmethoden der Konkurrenz. Der Höhepunkt schließlich: Silberstein soll, angeblich ohne das Wissen der Parteispitze, Anti-Kurz-Seiten auf Facebook betrieben haben, die mit rassistischen und antisemitischen Postings gegen den Spitzenkandidaten der ÖVP hetzten.

Ein Lügendetektortest sollte Vorwürfe bekräftigen

Wie diese Quellen an die Öffentlichkeit kamen, ist noch nicht bekannt. Wilde Gerüchte kursieren, von einer Ex-Mitarbeiterin Silbersteins ist die Rede, die einen Datenstick weitergegeben haben soll. Ein Berater aus dem Umfeld Kerns, dessen Mails ebenfalls auftauchten, hat 30.000 Euro Belohnung ausgesetzt für Beweise, dass seine Mails verkauft wurden. Und ein Ex-Mitarbeiter Silbersteins behauptet, ein ÖVP-Sprecher habe ihm 100.000 Euro angeboten, wenn er die Seiten wechsle – um seinen Vorwurf zu bekräftigen, ließ er sich an einen Lügendetektor anschließen, eine Tageszeitung stellte ein Video dieser Farce sogar online.

Derweil observierte ein Blogger und Funktionär des Wirtschaftsbundes, einer Teilorganisation der ÖVP, das Umfeld der Ehefrau von Christian Kern, einer erfolgreichen Unternehmerin, mittels "Ex-Militär-Angehöriger wie militärische Aufklärer und Ex-Jagdkommando-Soldaten". Auch von seriöseren Medien wurden seine Recherchen als Grundlage für Artikel aufgegriffen.

Ein Tiefpunkt

Irgendwie scheint in Österreich etwas außer Kontrolle geraten zu sein. Der politmediale Komplex hat ein erbärmliches Schauspiel aufgeführt. Man kann es keinem verübeln, der sich angewidert abwendet.

Wer in den Achtzigerjahren oder später geboren wurde, für den war dieser Wahlkampf der Tiefpunkt. Schmutz, Anstandslosigkeit und Illoyalität gibt es in der Politik oft – doch schon lange traten diese unsympathischen Eigenschaften nicht mehr so in den Vordergrund wie in diesem Jahr.

Und Reinhold Mitterlehner, der zurückgetretene ÖVP-Chef? Der postet ab und an entspannte Urlaubsfotos auf Facebook. So, als wolle er sagen: Ich hatte einen schönen Sommer. Und ihr?