Osteuropa sollte die große Erfolgsgeschichte der Demokratie werden. Nach Jahrzehnten der sowjetischen Herrschaft, in denen es der Wirtschaft schlecht ging und jede Kritik niedergeschlagen wurde, machten Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei das Beste aus ihrer neuen Freiheit: Ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vervielfachte sich binnen kürzester Zeit, überall entstanden gesellschaftliche Bewegungen und angesehene Universitäten.

Die Wähler nutzten ihre neue Macht und bestimmten demokratische Regierungen, um sie wieder zu entmachten, wenn sie ihren Ansprüchen nicht genügten. Politikwissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass sich die Demokratie in den osteuropäischen Staaten schnell konsolidiert habe – und dass sie in Zukunft stabil sein werde.

Diese optimistische Erzählung ist in vielerlei Hinsicht wahr. Flaniert man etwa durch Prag, sieht man eine moderne Stadt. Junge Menschen tragen die neuesten Modetrends, die Cafés sind voll. Die Tschechen, so könnte man meinen, können sich glücklich schätzen.

Ein Milliardär will das System zerstören

Doch der Schein trügt. Trotz der großen Fortschritte sind viele Tschechen zunehmend verbittert. Obwohl die Gesellschaft wohlhabend ist, haben viele das Gefühl, vom politischen Establishment betrogen zu werden. Zwar investieren die meisten Ausländer, die man in den Straßen von Prag sieht, ihr Geld in Bier, Souvenirs und Museumtickets – trotzdem gibt es in der Gesellschaft immer mehr Vorurteile gegen Migranten. Und so favorisieren die Wähler trotz eines insgesamt gut funktionierenden Systems vor der Parlamentswahl am 20. und 21. Oktober Andrej Babiš, einen Milliardär, der ebendieses System zerstören will.

Babiš ist so etwas wie eine Mischung aus Donald Trump und Silvio Berlusconi. Ihm gehört ein guter Teil der nationalen Medien, gleichzeitig geriert sich Babiš als politisch Inkorrekter, der strikt gegen Migration ist. Seinen politischen Einfluss nutzt er aber auch, um sich privat zu bereichern: Als Finanzminister nahm er Einfluss auf Förderprogramme der EU, sodass zufällig auch seine Unternehmen davon profitierten.

Wie andere Populisten auch tut Babiš so, als sei er ein von den Eliten schlecht behandelter Außenseiter. Als eine seiner Zeitungen seine Kandidatur bekannt gab, nahm sie nicht nur ein riesiges Bild von Babiš auf die erste Seite, sondern stellte ihn auch mit Klebeband über dem Mund dar – als ob "das System" ihn zum Schweigen bringen wolle.

Zu Beginn seiner politischen Bemühungen schien es noch so, als würde Babiš, wie zunächst Trump und Berlusconi, nicht sonderlich erfolgreich sein. Doch dann setzte er auf Schamlosigkeit und die Medien, um die Debatte im Land zu dominieren und seine Gegner zu diffamieren. In Umfragen führt seine ANO-Bewegung ("JA") wenige Tage vor der Wahl. Auch wenn es nicht für die absolute Mehrheit reichen sollte, wird Babiš voraussichtlich deutlich siegen.

Hinzu kommt, dass ANO nicht die einzige Anti-System-Partei im neuen Parlament sein wird. Da sind auch die Rechtsextremisten der SPD und die linksextremistische KSCM. Am Ende werden so wahrscheinlich jene Kräfte im Parlament dominieren, die die Demokratie ablehnen. Für Babiš könnte das bedeuten, dass er sich komfortabel eine Regierungskoalition zusammensuchen kann.