Ein türkisches Gericht hat zahlreiche frühere Soldaten wegen Teilnahme am Putschversuch im vergangenen Jahr zu lebenslanger Haft verurteilt. Richter Emirsah Bastog befand 42 Angeklagte des geplanten Mordes an Präsident Recep Tayyip Erdoğan für schuldig. 

Das Gericht im westtürkischen Muğla verhängte gegen 31 Angeklagte viermal lebenslange Haft. Drei weitere Polizisten wurden zu einer Haftstrafe von 18 Jahren verurteilt, unter ihnen Erdoğans früherer Adjutant Ali Yazıcı. Sechs weitere Angeklagte erhielten lebenslange Haft und zwei geringere Strafen. Eine weitere Person wurde freigesprochen, wie der Sender NTV berichtete.

Der Prozess hatte im Februar begonnen. Die meisten Beschuldigten sollen zu einer Militäreinheit gehört haben, die in der Nacht des Umsturzversuches vom 15. Juli 2016 das Hotel in Marmaris an der Ägäis angegriffen hatte, in dem Erdoğan mit seiner Familie Urlaub machte. Erdoğan und seine Angehörigen waren zu dem Zeitpunkt nicht mehr in dem Hotel. Der Präsident gab später an, er und seine Familie seien in Marmaris nur um Minuten dem Tod oder der Gefangennahme entgangen.

An der Richtigkeit dieser Aussage gibt es Zweifel, da die Putschisten das Hotel erst stürmten, als Erdoğan es längst verlassen hatte. Ihr Kommando traf nach offiziellen Angaben erst um 3.20 Uhr in dem Hotel ein. Zu diesem Zeitpunkt war Erdoğan schon im Flugzeug auf dem Weg nach Istanbul. Als ein Helikopter das Hotel um 4.40 Uhr unter Beschuss nahm, war der Präsident bereits in Istanbul gelandet. Warum die Putschisten das Hotel trotzdem attackierten, gehört zu den bislang ungeklärten Fragen der Putschnacht. Insgesamt töteten die Putschisten 249 Menschen bei ihrem Versuch, die Macht in der Türkei zu gewinnen, darunter zwei in Marmaris.

Behandelt "wie ein Verbrecher"

Einige der Angeklagten kritisierten, sie hätten keinen fairen Prozess erhalten, weil das Gericht unter politischem Druck gestanden habe. "Seit meiner Festnahme am 16. Juli auf dem Luftwaffenstützpunkt wurde ich wie ein Verbrecher behandelt", sagte ein früherer Leutnant. Nach dem Putsch veröffentlichte Bilder zeigten einige mutmaßliche Teilnehmer, unter ihnen ranghohe Offiziere, in Unterhosen, mit gefesselten Händen und Blutergüssen im Gesicht. Ein anderer Angeklagter sagte, es habe nie die Chance auf ein faires Verfahren gegeben. "Wir sind nur das Gras, das die kämpfenden Elefanten zertrampeln."

Als die Verurteilten aus dem Gerichtsgebäude geführt wurden, warfen Demonstranten Eier und Plastikflaschen, priesen Erdoğan und forderten die Einführung der Todesstrafe. Über deren Einführung hatte auch Erdoğan nach dem gescheiterten Putsch nachgedacht. Bislang hat er seinen Drohungen aber keine Taten folgen lassen. Aus Richtung der EU hatte es geheißen, für diesen Fall würden die Verhandlungen über einen Beitritt der Türkei abgebrochen.  

Die türkische Führung macht den in den USA lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen – einst ein Verbündeter Erdoğans – für den gescheiterten Putsch verantwortlich. Gülen jedoch bestreitet eine Beteiligung. Hunderttausende Beamte, Lehrer, Wissenschaftler, Soldaten und Polizisten wurden seit dem Putschversuch vom Dienst suspendiert oder entlassen, weil sie angeblich Gülen-Anhänger sind. Tausende wurden inhaftiert.

Mehrere der Angeklagten in Muğla gaben zu, am Putschversuch beteiligt gewesen zu sein, bestritten aber eine Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung. Ein Verfahren gegen Gülen selbst und gegen zwei weitere Angeklagte wurden laut NTV vom Hauptverfahren abgetrennt.