In einer Pfütze in einem Schulhof im barcelonesischen Arbeiterviertel Poblenou schwimmt ein handgeschriebener Zettel. Die Schrift ist verschwommen, die darauf sorgfältig gemalten Herbstblätter sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Es ist das Programm eines spontan organisierten, mehrtägigen Schulfestes.

Wie an der Escola La Mar Bella haben überall in Katalonien Eltern, Schüler, Lehrer mit solchen Festen am Wochenende ihre zum Wahllokal bestimmte Schule blockiert. In den Turnhallen rollten sie Schlafsäcke und Isomatten aus. Für die Kinder gab es Bastelworkshops, Swingkonzerte und Kinonächte. Die Stimmung war fröhlich, ausgelassen. Am frühen Morgen läutet ein gewaltiger Regen das Ende der Festa ein. Die in Plastiksäcken verpackten Urnen für die Abstimmung über eine Unabhängigkeit Kataloniens waren da bereits in der Schule.

Als sich die Tür zu dem Abstimmungslokal öffnet, applaudiert die Menge. Das Informatiksystem, das die Abstimmungsergebnisse übermitteln soll, funktioniert zunächst nicht. Aber damit hat man gerechnet, die Zentralregierung in Madrid hat mit vielen Mitteln versucht, das Referendum zu verhindern. Sie sieht es als rechtswidrig an, das Verfassungsgericht hat das bestätigt. Die Katalanen dagegen sehen die Abstimmung als ihr Recht.

Es dauert nicht lang, da kursieren die Videos von den Polizeieinsätzen im nahen Zentrum auf Twitter. In der Schule weicht das Lächeln aus den Gesichtern, bestürzt starren die Menschen aufs Display: Die Aufnahmen zeigen, wie die Policia Nacional mit Gummiknüppeln ein Wahllokal stürmt, die Wartenden die Treppe herunterschubst, an Armen und Beinen herauszerrt. Fotos von Menschen mit Platzwunden und Prellungen gehen von Handy zu Handy. Mehr als 700 Verletzte, heißt es von der katalanischen Regionalregierung im Laufe des Abends. Sie werden wegen Platzwunden, Prellungen, Angstzuständen in Krankenhäusern behandelt. Auch mehrere Polizisten werden durch Steinwürfe verletzt.

Faust in den Himmel

Aus der Bestürzung in den Abstimmungslokalen wird Fassungslosigkeit, dann Trotz. "Was glauben Sie wohl, was ich jetzt wähle?", ruft Angels Castellano empört. "Ich will nicht in einem Staat leben, der seine Bürger verprügelt, nur weil sie wählen wollen." Die Mittvierzigerin steht bereits zum zweiten Mal in der langen Schlange vor der Grundschule Mediterráneo an der Barceloneta. Am Morgen hat die spanische Polizei das Lokal schließen lassen, auch hier haben die Beamten Menschen geschubst, Schlagstöcke sollen zum Einsatz gekommen sein, vier Menschen wurden im benachbarten Krankenhaus behandelt. "Bis die Mossos  – die katalanische Landespolizei – eine Kette zwischen uns und ihnen gebildet hat, haben sie einfach draufgehauen", erzählt die Informatikerin. "Auf alte Menschen, auf junge, auf jeden, der vor der Tür stand."

Hinter ihr recken zwei junge Männer kämpferisch die Faust in den grauen Himmel, zwei Rentnerinnen mit sorgfältig onduliertem Haar skandieren: "Votarem, votarem!", die Menge stimmt ein. Angels reckt das Kinn nach vorn. "Wenn sie wieder die Schule schließen, kommen wir eben später wieder." Gesicht zeigen, ein Zeichen setzen: Mehr ist ihnen, nüchtern betrachtet, nicht möglich.

Im Eixample, dem großbürgerlichen Zentrum von Barcelona, winden sich die Schlangen der Teilnehmer um ganze Häuserblocks. Zwei, drei, vier Stunden warten die Menschen vor den Lokalen, vor den Wahltischen dann noch einmal 45 Minuten.

Doch ob die Stimmen überhaupt gezählt werden können, ist unklar. Die Guardia Civil blockiert alle mit dem Referendum in Verbindung stehenden IP-Adressen und hat damit ein Chaos ausgelöst. Am Mittag heißt es aus dem spanischen Innenministerium, man habe das IT-System gehackt, eine Überprüfung der Identität sei nicht mehr gewährleistet. Die katalanische Regionalregierung hatte den Bürgern daraufhin gestattet, ihre Stimme in einem beliebigen Wahllokal abzugeben. Es würden auch Stimmzettel akzeptiert, welche die Wähler zu Hause ausgedruckt hätten. Kontrollierbar ist die Abstimmung damit längst nicht mehr, und damit offen, ob sie repräsentativ werden kann.

Das Chaos ist im Sinne der Zentrale in Madrid: "Das Referendum war schon immer eine Farce und muss jetzt sofort beendet werden", fordert die spanische Vizepräsidentin Soraya Saez de Santamaria. In der Escola Industrial erntet sie mit ihrem Auftritt laute Lacher und, wieder, Sprechchöre: "Votarem, votarem" und, jetzt auch, "Hem votat": Wir haben gewählt.

"Ich habe heute die Zukunft meines Landes bestimmt, für mich hat dieses Referendum Gültigkeit, ganz gleich, was Rajoy und die Welt davon denken", sagt eine junge Frau und wedelt mit drei Wahlzetteln, die sie als Souvenirs mitgenommen hat. "Unser Präsident wird morgen die Unabhängigkeit ausrufen", assistiert ein älterer Herr. "Rajoy kann aus Spanien eine Diktatur machen, aber ohne uns." Sie stehen für die etwa 40 Prozent der Katalanen, die in Umfragen die Unabhängigkeit befürworteten. Sie wollen mehr Rechte für ihre Region, die vor langer Zeit schon einmal unabhängig war und die fast ein Fünftel des spanischen Bruttoinlandprodukts schafft. Rechte, wie sie die Basken im Norden längst haben, die weit weniger zur Wirtschaft und Steuern beitragen als die Katalanen. Und sie sehen sich als eigenes Volk, nicht als Spanier.       

Es ist vor allem die Ja-Fraktion, die heute auf den Beinen ist. Die Gegner des Referendums sind zu Hause geblieben. Oriol Bartomeus zum Beispiel. Der Politologe von der Universidad Autónoma de Barcelona hat das Geschehen vor und in den Wahllokalen zu Hause, im Wohnzimmer, vor dem Fernseher verfolgt. Er war einer der wenigen Stimmen, die in den letzten Wochen für einen Kompromiss, einen dritten Weg warb, jenseits des Status Quo, jenseits des einseitigen Unabhängigkeitsreferendums.