In der somalischen Hauptstadt Mogadischu war zuletzt so etwas wie vorsichtiger Optimismus eingekehrt. Exilanten kommen zurück, zum ersten Mal seit Langem gibt es auch wieder Straßenbeleuchtung und Müllabfuhr. Selbst Fischrestaurants haben wieder aufgemacht. Doch der schwere Terroranschlag vom Samstag, der schwerste in der Geschichte des Landes, hat dieser zaghaften Aufbruchstimmung einen heftigen Dämpfer versetzt. Mehr als 300 Menschen wurden bei der Attacke getötet. 

Bisher hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt, doch die Regierung macht die Terrorgruppe Al-Shabaab (Arabisch für: "die Jugend") dafür verantwortlich. Ermittler gehen davon aus, dass der Bomber, ein einstiger Soldat, Rache nehmen wollte. Amerikanische und somalische Soldaten hatten zuvor in seinem Dorf, das im Al-Shabaab-Einzugsgebiet liegt, eine Razzia veranstaltet und dabei zehn Zivilisten erschossen. 

Mogadischu, die alte Handelsmetropole am Horn von Afrika, muss einst eine prächtige Stadt gewesen sein. Doch das war, bevor ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg sie nach und nach zerstörte. Von den stuckverzierten Fassaden sind nur noch Ruinen geblieben. Ganze Viertel sind zerstört, Hunderttausende Somalier wurden seit den 1990er-Jahren getötet. Vielleicht, so schätzt Global Security, war es sogar eine Million Menschen. Zwei Millionen Somalier mussten laut dem Internationalen Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ihre Heimat verlassen. Das Land ist zum Inbegriff eines failed state geworden: Bürgerkrieg, Hungersnöte, Piraten, und eben auch Terrorismus.

Um die Hintergründe der Al-Shabaab-Miliz zu verstehen, muss man sich den albtraumhaften Sturz Somalias noch einmal vor Augen führen, eines Landes, das einst gut dastand im Vergleich zu seinen Nachbarn. Als es 1960 unabhängig wurde, hatte Somalia anderen afrikanischen Ländern eines voraus: eine starke nationale Identität. Sie hätte zu einem vergleichsweise stabilen Staatsgebilde führen können.

In vielen Nachbarstaaten hatten die einstigen Kolonialmächte unterschiedliche Ethnien innerhalb der Landesgrenzen zwangsvereint. Die Somali hingegen bildeten bereits einen der größten ethnischen Blöcke in Afrika. Sie teilen schon lange Religion (den Islam), Sprache und Kultur, sind geprägt vom nomadischen Leben der Viehhirten und einer großen Liebe zur Poesie. 

Die Kolonialmächte hatten das Land zerteilt

Trotzdem hatten die Kolonialmächte das Siedlungsgebiet der Somali in fünf Territorien zerschlagen. Zwei von ihnen, Britisch-Somaliland und das von Italien verwaltete UN-Protektorat von Somalia, schlossen sich in dem neu gegründeten Staat Somalia zusammen, der es sich zum Ziel setzte, auch die anderen Somali in den Nachbarstaaten Äthiopien, Kenia und Dschibuti in einem Großsomalia zu vereinen. Die Unruhe der Nachbarstaaten war programmiert, und dadurch deren Bereitschaft, sich immer wieder in die Belange Somalias einzumischen.

Von 1960 bis 1969 wurde das Land demokratisch regiert, dann putschte sich General Siad Barre an die Macht. Er verbesserte die Bildung, schuf eine Armee und verfolgte seine Gegner mit aller Macht. Er ließ foltern, morden, ganze Dörfer niederbrennen.

Andererseits machte seine geografische Lage Somalia zu einem strategisch interessanten Partner. Während des Kalten Krieges trieb es Siad Barre von einem Lager ins andere, er wurde erst von den USA, dann von der Sowjetunion und schließlich wieder von den USA unterstützt. Zuletzt hing das Land immer mehr von Auslandshilfe ab, die bald die Hälfte des Bruttosozialproduktes ausmachte. Somalia wandelte sich von einem Land, das sich selbst versorgen konnte, zu einem, das bald alles importierte. Siads jeweilige Freunde verdienten gut daran.