Kataloniens Regionalpräsident Carles Puigdemont kündigte an, womöglich noch diese Woche die Unabhängigkeit von Spanien zu erklären. In einem Interview mit dem britischen Rundfunksender BBC sagte er, die offizielle Loslösung Kataloniens von Spanien sei nur "eine Frage von Tagen". Sobald das vollständige Ergebnis des Referendums vorliege, werde Katalonien binnen 48 Stunden die Unabhängigkeit ausrufen. Voraussichtlich bis zum Ende der Woche würden noch Stimmen aus dem Ausland ausgezählt. "Wir werden also Ende dieser Woche oder Anfang kommender Woche handeln", sagte Puigdemont.

Spanien - König Felipe kritisiert katalanische Regionalregierung Der spanische König Felipe VI. hat den katalanischen Behörden »unverantwortliches Verhalten« vorgeworfen. Sie hätten absichtlich das Gesetz gebeugt, sagte Felipe in einer Fernsehansprache an die Nation. © Foto: Königlicher Palast Spanien / AP

"Stabilität Spaniens in Gefahr"

Zuvor hatte sich der spanische König Felipe VI. erstmals in den Konflikt um die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region eingeschaltet und die Separatisten um Puigdemont kritisiert. Mit ihrem Vorhaben, in den nächsten Tagen die Abspaltung von Spanien auszurufen, setze die Regierung in Barcelona die wirtschaftliche und soziale Stabilität Kataloniens und ganz Spaniens aufs Spiel, sagte der Monarch in einer Fernsehansprache an die Nation. Die Regionalregierung bewege sich außerhalb des Gesetzes und habe Katalonien mit ihren Aktionen entzweit, sagte Felipe.

Am vergangenen Sonntag hatte die katalanische Regionalregierung ein Referendum zur Loslösung der wohlhabenden Region von Spanien durchgeführt – ungeachtet eines Verbots durch das spanische Verfassungsgericht und auch gegen den Willen der Zentralregierung in Madrid. Nach Angaben der Regionalregierung stimmten 90 Prozent der Wähler für die Loslösung von Spanien. Die Wahlbeteiligung lag demnach aber nur bei 42 Prozent.

Während der Abstimmung hatte die spanische Polizei Wahllokale geschlossen, Abstimmungsunterlagen beschlagnahmt und Menschen mit Schlagstöcken und Gummigeschossen an der Stimmabgabe gehindert. Nach katalanischen Angaben mussten sich nach der Polizeigewalt mehr als 840 Menschen ärztlich behandeln lassen.

700.000 Menschen demonstrieren

Aus Protest gegen diesen von Madrid angeordneten Polizeieinsatz kam es auch am Dienstag zu großen Demonstrationen. Bei mehreren Kundgebungen in Barcelona strömten nach Angaben der städtischen Polizei vom Abend etwa 700.000 Menschen zusammen. Die Demonstranten forderten unter anderem den Abzug der spanischen Polizeikräfte, die sie in Sprechchören als "Besatzungskräfte" kritisierten. Zugleich legte ein Generalstreik weite Teile des öffentlichen Lebens lahm. In Barcelona blieben die meisten Geschäfte und auch die Metrostationen geschlossen. Zu den Kundgebungen und dem Ausstand hatten Gewerkschaften und andere Organisationen aufgerufen.

Die Zentralregierung prangerte zur selben Zeit in Madrid eine "Verfolgung" von Staatsbeamten durch die Katalanen an. Man werde "alles Nötige unternehmen", um die Verfolgung zu stoppen, warnte Innenminister Juan Ignacio Zoido. Die 10.000 von Madrid entsandten Polizisten blieben am Dienstag fast alle in den Unterkünften. Einige Hundert wurden von katalanischen Hotels aus Protest vor die Tür gesetzt. Gegner der Unabhängigkeit wollen am Sonntag gegen die Abspaltung Kataloniens von Spanien demonstrieren. Es gehe darum, wieder "die Vernunft zurückzugewinnen", sagte Álex Ramos, der Vizepräsident der zivilen Organisation Societat Civil Catalana (SCC).

Am späten Abend dann wandte sich König Felipe an die Menschen und rief sie zum Zusammenhalt auf. "Es sind schwierige Zeiten, aber wir werden sie überwinden und vorwärtskommen", sagte das 49 Jahre alte Staatsoberhaupt. Allen Spaniern wolle er eine Botschaft der Ruhe und der Hoffnung übermitteln. Ohne demokratischen Respekt gebe es kein friedliches Zusammenleben. "Angesichts dieser Situation von extremer Tragweite" sei es die Pflicht der legitimen Staatsführung, die verfassungsmäßige Ordnung und das normale Funktionieren der Institutionen sicherzustellen.