Als die Polizei einschreiten musste, war das womöglich der erste Vorgeschmack auf das, was die Tschechen in der nächsten Legislaturperiode erwartet: Völlig überraschend ist die rechtsnationale Partei SPD, "Freiheit und direkte Demokratie", nach der bisherigen Stimmenauszählung mit knapp elf Prozent zur drittstärksten politischen Kraft in Prag geworden – und ließ von muskelbepackten Sicherheitsleuten etliche Journalisten aus ihrer Wahlzentrale werfen, die zuvor kritisch berichtet hatten. Zwar wurde die Polizei rasch hinzugerufen, doch das Symbol, das die Rechten setzten, wird bleiben.

Weniger überraschend ist der Wahlsieger: Die liberal-populistische Bewegung ANO des Milliardärs Andrej Babiš dürfte mehr als 31 Prozent bekommen und ist damit deutlich an allen anderen Parteien vorbeigezogen. Dass gegen Babiš, der seine Gruppierung ganz auf sich selbst zugeschnitten hat, derzeit wegen Betrugsverdachts ermittelt wird, konnte seine Anhänger nicht abschrecken.

Die etablierten Parteien hingegen wurden von den Wählern abgestraft: Die Sozialdemokraten etwa, die Partei des bisherigen Premierministers Bohuslav Sobotka, müssen angesichts von weniger als acht Prozent froh sein, überhaupt noch im Parlament zu sitzen. Und die stärkste konservative Kraft, die Bürgerdemokraten (ODS), liegt ungefähr gleichauf mit den Piraten, die erstmals ins Parlament einziehen. Die einzige Partei, die einen explizit proeuropäischen Wahlkampf geführt hatte, schaffte es nur knapp über die Fünfprozenthürde – die Partei des früheren Außenministers Karel Schwarzenberg.

Auch wenn Rechte und Populisten zulegten – die Situation in Tschechien ist nicht vergleichbar mit Polen oder Ungarn, wo nationalistische Regierungen gegen die EU poltern. Andrej Babiš, der Wahlsieger, ist zwar Populist, aber kein Ideologe. Er bleibt vielmehr ein kühl kalkulierender Pragmatiker. Ihm gehe es vor allem um seine eigenen Interessen, werfen ihm Kritiker immer wieder vor; das Programm seiner Bewegung entstand erkennbar unter dem Eindruck von aktuellen Meinungsumfragen und weniger nach politischen Grundüberzeugungen.

In welche Richtung sich Tschechien in den nächsten Jahren bewegen wird, dürfte jetzt vor allem davon abhängen, mit wem Wahlsieger Babiš eine Regierung bildet. Die gemäßigte Variante wäre eine Koalition mit den Sozial- und den Christdemokraten. Das wäre eine Fortführung des bisherigen Bündnisses, nur unter umgedrehten Kräfteverhältnissen.

Die Tschechen misstrauen der europäischen Politik

Deutlich nach rechts rutschen würde das Land unter der zweiten Regierungsoption, über die in Prag spekuliert wird: ein Zusammenschluss von ANO mit der rechtsnationalen SPD, möglicherweise unter Duldung der orthodoxen Kommunisten. Die Parteien verbindet zwar wenig – außer ihre Ablehnung der EU. Das würde für das Klima im Land jedoch dramatische Konsequenzen haben.

Die tschechischen Wahlen fallen in eine Zeit, in der es dem Land so gut geht wie noch nie in der jüngeren Vergangenheit. Die Arbeitslosigkeit ist mit rund drei Prozent die niedrigste der gesamten Europäischen Union, die Wachstumsraten zählen zu den höchsten und auch die Löhne steigen immer stärker. Dass trotzdem viele Wähler unzufrieden sind, liegt vor allem an zwei Faktoren: Zum einen an einem Misstrauen gegen die europäische Politik, das während der Flüchtlingskrise einen neuen Höchststand erreicht hatte; der Protest dagegen richtet sich auch gegen die etablierten tschechischen Parteien, obwohl diese ohnehin schon eine kritische Haltung zur EU-Flüchtlingspolitik pflegten. Und zum anderen an vielen größeren und kleineren Korruptionsskandalen, in die sich die großen Parteien verstrickt hatten – auch wenn sich Sozial- und Bürgerdemokraten (ODS) inzwischen personell weitgehend erneuert haben.

Der Anführer der Rechten ist Sohn eines Japaners

Für Tomio Okamura, den Anführer der Rechtsnationalen, reichte ein einziger Slogan zum Überraschungserfolg in den Wahlen: "Nein zum Islam, nein zum Terrorismus" ließ er im Land plakatieren. Zugleich fordert seine Bewegung einen Austritt Tschechiens aus der Europäischen Union. Ihr Gründer Okamura genießt unter seinen Anhängern beinahe Popstar-Status. Seine nationalistische Rhetorik gegen Minderheiten pflegt er, obwohl er selbst Sohn einer Tschechin und eines Japaners ist.

Historisch ohne Beispiel ist auch der Wahlsieg von Andrej Babiš: Dass ein Politiker, gegen den ein Ermittlungsverfahren läuft, massenhaft Zulauf erlebt, gab es in Tschechien noch nie – oft reichte schon ein geringerer Verdacht, um selbst amtierende Politiker zum Rücktritt zu zwingen. Dem Milliardär aber haftet eine Aura des Erfolgs an: Dass der drahtige Mann mit seiner schneidenden Stimme eigentlich weder Posten noch Macht oder Ruhm bräuchte – gerade das hat ihn zum Liebling der Wähler gemacht. Er besitzt Molkereien, Düngemittelfabriken, Großschlachtereien, Wurstfabriken, Bäckereien überall in Tschechien; in Deutschland ist er Herr über die Großbäckerei Lieken und die Chemiefabrik SKW Piesteritz. "Wir sind anders, wir sind keine Politiker" und "Wir führen das Land wie eine Firma" – diese Schlagworte reichten aus, um ANO zum Erfolg zu führen. Das und das viele Geld, das er für die Kampagne nutzen konnte. Dass er privat moralisch höchst fragwürdige Steuertricks anwendet und als Finanzminister unliebsamen Firmen die Steuerprüfer auf den Hals gehetzt haben soll, und dass er kurz vor seinem Einstieg in die Politik die beiden einflussreichsten Zeitungen des Landes gekauft hat – das alles konnte seinem Erfolg bei den Wählern allerdings keinen Abbruch tun.