Viel unterschiedlicher könnten die SPD und ihr sozialdemokratisches Pendant aus Österreich kaum sein. Von einer Volkspartei SPD sprechen in Deutschland nur noch die Kühnen, in Wien zogen seit den 1970er-Jahren fast durchgängig Sozialdemokraten ins Kanzleramt ein. Teilweise sogar ohne Koalitionspartner. Die SPÖ war selbstbewusst und siegesverwöhnt – zumindest bis zu Beginn dieses Wahlkampfs, denn ihre Dominanz schwindet.

Seit Wochen diskutiert Österreich eigentlich nur über zwei Themen, und bei beiden hat die SPÖ nichts zu gewinnen. Da ist einmal der Außenminister Sebastian Kurz, der seine konservative ÖVP weit nach rechts geführt hat und im Wahlkampfkanon gemeinsam mit den Rechtspopulisten von der FPÖ das Thema Migration täglich in den Schlagzeilen hält. 

Wahl in Österreich - Die Wahl zwischen rechts und rechts? Am 15. Oktober wählen die Österreicher ein neues Parlament. ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz sieht den Chef der rechten FPÖ, Heinz-Christian Strache als schärfsten Konkurrenten. © Foto: AFP-TV

Und dann ist da noch der Fall Tal Silberstein. Die SPÖ hatte den Spindoktor und Unternehmer als Wahlkampfberater engagiert. Als der Mitte August in Israel festgenommen wurde, weil gegen ihn Korruptionsermittlungen laufen, trennte sich die SPÖ von ihm. Unangenehm, aber es kam noch schlimmer: Österreichische Medien fanden heraus, dass Silberstein hinter Facebook-Seiten steckte, auf denen Schmutz über politische Gegner verbreitet wurde. Auch wenn die SPÖ-Führung bestritt, irgendetwas gewusst zu haben, musste der Bundesgeschäftsführer zurücktreten.

Im Burgenland koaliert man skandalfrei

Seitdem ist die SPÖ permanent in der Defensive. In den Umfragen liegt sie auf Platz zwei hinter der ÖVP, nicht ausgeschlossen, dass bei der Nationalratswahl am Sonntag die FPÖ sogar an den Genossen vorbeizieht und die SPÖ durchgereicht wird auf Platz drei.

Auch wenn sich Kanzler Christian Kern im Wahlkampf abmüht: Selbst führende Genossen in Wien geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass sie ratlos sind. Keiner in der Kampagnenführung weiß derzeit, wie man mit den eigenen Themen – Mieten, Gesundheit, Löhne, Renten – noch Wähler gewinnen soll. "Wir haben eigentlich viele Themen, die anschlussfähig wären", sagt einer, der mit dem Wahlkampf betraut ist. Auch das hat die SPÖ gemeinsam mit den deutschen Genossen.

Als Martin Schulz nach dem Debakel bei der Bundestagswahl gar nichts mehr einfiel, um seine Anhänger wieder aufzurichten, ging er die AfD an. Eine rechte Partei sei ins Parlament eingezogen und die SPD das "Bollwerk der Demokratie". Sie werde mit all ihrer Kraft gegen die Rechtspopulisten kämpfen. Da gab es wenigstens noch mal trotzigen Applaus von der Basis.

So ähnlich klang das in Österreich auch mal – Blau und Rot, das waren die Antipoden der politischen Landschaft. 2004 hatte die SPÖ auf einem Parteitag beschlossen, nicht mit der rechtspopulistischen FPÖ zu koalieren. Dieser Beschluss gilt zwar formell noch immer. Aber die SPÖ regiert seit zwei Jahren skandalfrei gemeinsam mit den Freiheitlichen im Burgenland. Und Kanzler Kern hat das einstmalige Tabu weiter aufgeweicht. Anstelle des Ausschlusses setzte er einen Kriterienkatalog. Der enthält ein paar allgemeine Forderungen, etwa Bekenntnisse zu Menschenrechten, Europa, soziale Sicherheit, Gleichstellung der Geschlechter, Bildung und Freiheit der Kunst. Und ein paar konkrete Punkte für den Wahlkampf. Etwa eine Erbschaftssteuer, ein steuerbefreiter Mindestlohn, weniger Steuern auf Arbeit, einen Rechtsanspruch auf Ganztagskinderbetreuung, zusätzliche Lehrer und Polizisten und höhere Pensionen.

Die FPÖ ist flexibel geworden

Linke SPÖler bemühen sich dieser Tage darum, den Eindruck auszuräumen, dass das ein Koalitionsangebot an die Rechtspopulisten sei. "Wir wollen sie vorführen, damit sie sich bewegen müssen, und so klar machen, dass mit denen kein Staat zu machen ist", sagt ein führender Genosse.

Die FPÖ will an die Macht. So rhetorisch flexibel und inhaltlich biegsam, wie sie in den vergangenen Jahren auftrat, ist klar: Unüberbrückbar wäre das alles nicht. Eine große Koalition, wie sie in Österreich fast zum Dauerzustand geworden ist, will eigentlich keiner mehr. Das heißt auch: Eine Regierungsbeteiligung der FPÖ wird immer wahrscheinlicher.

"Eine Koalition zwischen FPÖ und SPÖ hätte für beide Parteien gewissen Vorteile", sagt auch der Salzburger Politikwissenschaftler Reinhard Heinisch, "sie könnten sich mit ihren jeweils starken Themen profilieren." Konkret die FPÖ beim Thema Migration und die SPÖ beim Sozialen. Die FPÖ sei mittlerweile so stark, dass sie es sich leisten könne, gemäßigt aufzutreten, glaubt er.