Der Bundeskanzler hat Kameras und eine gute Nachricht mit an den Stammtisch gebracht. "In Österreich gibt es ein Burka- und Nikab-verbot", sagt Christian Kern, und die Stimmung in der Runde hellt sich auf. "Super", antwortet eine Frau und wirft erleichtert die Arme in die Höhe. Gerade hatte sie noch über Politiker gewütet, "die alle reinlassen bei uns". Mit "die" meint sie Ausländer. Und Christian Kern, der in seinem edlen Zwirn etwas deplatziert wirkt im Landgasthaus Buchner in der Steiermark, nickt verständnisvoll. "Jeder muss sich an unsere Regeln halten", sagt er. Ein Satz, den man hier gerne hört.

"Kern unterwegs am Stammtisch", so lautet das Motto dieses Wahlvideos für die SPÖ, das auch parteiintern Diskussionen ausgelöst hat. Hat der Kanzler sich nur volksnah gezeigt oder ist er auf "rassistische Parolen eingeschwenkt", wie eine SPÖ-Linke kritisierte? Der Bundeskanzler ist offenbar nicht unvorbereitet und wiegelt schon im Vorspann des Videos vorsorglich ab: "Wir müssen die Probleme zur Kenntnis nehmen und Lösungen suchen", sagt er.

Eine Lösung heißt "Bundesgesetz über das Verbot der Verhüllung des Gesichts in der Öffentlichkeit", das an Stammtischen als "Burkaverbot" bekannt ist. Seit vergangenem Sonntag ist das Gesetz in Kraft, seitdem kontrolliert die österreichische Polizei verstärkt an den Flughäfen des Landes. Sie suchen keine Terroristen, sondern Frauen, die einen Ganzkörperschleier tragen. Eingreifen mussten die Beamten auf ihrer ersten Patrouille am Flughafen Wien-Schwechat nicht, lediglich einige Touristen aus Asien bitten, ihren Mundschutz abzunehmen. Denn um das Gesetz durchzukriegen, mussten jegliche Gesichtsverhüllungen verboten werden. Andernfalls würde es unter religiöse Diskriminierung fallen. Um Frauen mit einer Burka aus der Öffentlichkeit zu kriegen, mussten Clownsbemalungen außerhalb von Kinderfesten und Zirkuszelten verboten werden.

Ein umständlicher Nebeneffekt, den die Regierungskoalition aus SPÖ und ÖVP aber in Kauf genommen hat. In einem Kommentar der Salzburger Nachrichten schreibt ein Autor, das Gesetz sei nicht da, um in Österreich Verhüllungen zu verhindern, "sondern um die FPÖ zu verhindern". Auf den Weg gebracht hat das Gesetz zwar der ÖVP-Vorsitzende Sebastian Kurz. Denn der 31-Jährige hat in der Vollverschleierung das "Symbol einer Gegengesellschaft" ausgemacht. Allerdings sah die Sache noch anders aus, bevor sich Kurz zum Kanzlerkandidaten aufstellen ließ. 2014 bezeichnete er im Parlament ein mögliches Burkaverbot noch als "künstliche Debatte". Unbestritten ist, dass heute wie damals vor allem eine Partei energisch hinter dem Verschleierungsverbot steht: die FPÖ. Die Rechtspopulisten nehmen in diesem Wahlkampf auch eine besondere Rolle ein. Denn sie werden bei der kommenden Nationalratswahl am 15. Oktober nicht den Kanzler stellen können, obwohl sie den Wahlkampf mit ihren Forderungen thematisch dominieren. 

Schuld sind immer Zuwanderer

Dabei sahen Prognosen noch vor einem halben Jahr die Freiheitliche Partei Österreichs mit einem komfortablen Vorsprung vorne, im Dezember 2016 verpasste ihr Kandidat Norbert Hofer erst in der Stichwahl das Amt des Bundespräsidenten. Etwas mehr als 30 Jahre, nachdem Jörg Haider die Partei auf das rechtspopulistische Gleis setze, schien die FPÖ reif für die Übernahme der Regierung. Doch dann kam Sebastian Kurz, kopierte die Positionen der Partei und schaffte es in den Umfragen bis an die Spitze.

"Vordenker statt Spätzünder", plakatiert die FPÖ seit einigen Wochen und wirkt dabei ein wenig hilflos. Soll heißen: Die Österreicher werden die Wahl haben zwischen einer vorrausschaueden Partei wie der FPÖ und dem Spätzünder Kurz, der viel zu lange Probleme schöngeredet habe. Tage vor der Wahl gilt Kurz immer noch als Favorit. Sein Erfolgsrezept stützt sich auf zwei Kernpunkte, die paradoxerweise von der FPÖ bereits seit Jahrzehnten vertreten werden. Zum einen betont Kurz immer wieder, dass das alte Bündnis von SPÖ und ÖVP längst verbraucht sei. Das Kampagnenmotto seiner Partei, "Zeit für Neues", lehnt sich daran an. Zum anderen führt Kurz ähnlich wie die Rechtspopulisten von der FPÖ fast alle gesellschaftlichen Probleme auf die Zuwanderung zurück.