ZEIT ONLINE: Die AfD hat bei der Bundestagswahl in Deutschland 13 Prozent der Wählerstimmen geholt. Seitdem zieht ein Aufschrei durch das Land. Kann das ein Österreicher nachvollziehen?

Kenan Güngör: Würden die Rechtspopulisten von der FPÖ in Österreich 13 Prozent holen, wäre das ja ein immenser Verlust für die Partei. Derzeit kommt die FPÖ nämlich auf Werte von bis zu 27 Prozent. Was in Deutschland also als Drama gesehen wird, wäre in Österreich eine wohltuende Nachricht für das liberale Lager. Wir haben es hier also mit zwei sehr unterschiedlichen politischen Ausgangskonstellationen zu tun.

ZEIT ONLINE: Warum sind Rechtspopulisten so erfolgreich?

Güngör: Das hat mehrere Faktoren. Ein Grund ist, dass in Österreich die Fremdenfeindlichkeit im Vergleich zu vielen anderen westeuropäischen Ländern wie auch Deutschland höher ist. Das geht aus verschiedenen Studien hervor. Zudem sind die historisch begründeten Ressentiments gegenüber Türkeistämmigen in Österreich größer. Obwohl die Türkeistämmigen nicht wie in Deutschland die größte, sondern drittgrößte Minderheit sind, müssen sie sich gegen mehr Vorurteile wehren. Die Belagerung Wiens durch die Osmanen ist in Österreich nicht nur ein historisches Thema, sondern wird auch als ideologisches Narrativ immer wieder aufgekocht.

Allerdings wird dies spiegelverkehrt auch von der Türkei und den türkeistämmigen Österreichern massiv bespielt, in dem sie mit einem Neo-Osmanismus prahlen. Am Ende betreiben also beide Seiten Rechtspopulismus und beschwören damit eine ewige Feindschaft.

ZEIT ONLINE: Sie leben seit zehn Jahren in Österreich. Wie viele Frauen, die eine Burka tragen, haben sie auf der Straße gesehen?

Güngör: Sehr, sehr wenige, aber unterhalb der Wahrnehmungsgrenze doch zunehmend mehr. Man trifft sie beim Shopping in der touristischen Innenstadt, als reiche Touristinnen aus den arabischen Ländern. Oder in den ärmeren, migrantischen Stadtteilen, was dort mit der Entstehung salafistischer Milieus zu tun hat. Insgesamt hat aber die Burka mit der Lebensrealität der meisten Muslime in Österreich genauso wenig zu tun wie in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Warum spielen Flüchtlinge, Ausländer und das in Österreich erlassene Burkaverbot dann eine zentrale Rolle im Wahlkampf? Die konservative ÖVP und die sozialdemokratische SPÖ gehen damit auf Stimmenfang und lassen sich damit den politischen Diskurs von der rechtspopulistischen FPÖ diktieren.

Der Soziologe Kenan Güngör (48) beschäftigt sich mit Integrations- und Diversitätsfragen. Er berät und begleitet staatliche und nichtstaatliche Organisationen auf der Bundes-, Landes- und Gemeindeebene in Österreich. Güngör lebt in Wien. © Magdalena Possert

Güngör: Was sich zurzeit in Österreich abspielt, ist ein genereller Trend, der in Europa zu beobachten ist. In vielen EU-Ländern gibt es seit Längerem einen Rechtsruck in unterschiedlichem Ausmaß. Das Problem ist jedoch nicht nur das Vorhandensein rechtspopulistischer Parteien, sondern vielmehr, dass sie mit ihren zehn bis 25 Prozent an potentiellen Wählern die Diskurs- und Deutungshoheit der restlichen 75 bis 90 Prozent dominieren.

Das verängstigte und im Insgeheimen bewundernde Schielen auf den Erfolg der Rechtspopulisten, die Übernahme ihrer Semantiken und ihre Bildersprache hat dazu geführt, dass der Rechtspopulismus bis weit in die Mitte eindringen konnte. Die defensive und zum Teil nachplappernde Strategie der etablierten Parteien ist der eigentliche Erfolgsgarant der Rechtspopulisten. Das ist eine große Komponente. Eine andere ist, dass in Österreich Berührungsängste mit dem rechtspopulistischen Spektrum deutlich schwächer ausgeprägt sind. Das liegt an der vergleichsweise schlechteren historischen Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs.

ZEIT ONLINE: 21 Prozent der Menschen in Österreich haben einen Migrationshintergrund. Wie wohl fühlen die sich, wenn das Thema 'kriminelle Einwanderer' den politischen Diskurs bestimmt?

Güngör: Die Begriffe haben sich in den vergangenen 10 bis 15 Jahren immer wieder geändert. Anfangs wurde allgemein über  'Ausländer' geredet, dann über 'kriminelle Ausländer' dann über 'Scheinasylanten und Wirtschaftflüchtlinge'. In den vergangenen zehn Jahren ist aus der Ausländerfeindlichkeit eine Muslim- und Türkenfeindlichkeit geworden. Wichtige Treiber hierfür liegen in der islamistischen Radikalisierung, der damit einhergehenden Terrorgefahr, der Flüchtlingsmigration seit 2015, aber auch in den politischen Entwicklungen in der Türkei. Die Verunsicherungen und der Unmut damit haben dem rechtspopulistischen Lager zugearbeitet, ohne dass sie etwas dafür tun mussten. Bei den Türkeistämmigen hat das dazu geführt, dass sie sich in der Gesellschaft wie Fremde fühlen. Das betrifft auch diejenigen, die Erdoğan überhaupt nicht unterstützen.

ZEIT ONLINE: Das ist in Deutschland auch so.

Güngör: Richtig. Allerdings ist die Situation in Österreich schärfer. Hier kommt ein Großteil der türkischen Einwanderer aus Zentralanatolien, die als religiös-konservative Region auch die Hochburgen der türkischen Regierungspartei AKP bildet. Die Zuwanderung nach Deutschland war dagegen insgesamt heterogener. In der Folge sind Türkeistämmige in Österreich vergleichsweise konservativer und religiöser als die Deutschtürken. In Österreich kommt es dadurch zu einer stärkeren Polarisierung, weil auf beiden Seiten die nationalistisch-konservativen Strömungen stärker sind. Was in Österreich fehlt, ist eine anerkennende und zugleich kritische Auseinandersetzung. Da ist Deutschland einen deutlichen Schritt weiter.