Wien und das übrige Österreich, die zwei haben nie so recht zueinander gefunden. Auf der einen Seite der "Wasserkopf", eine Millionenstadt, eine internationale Metropole und das einzige politische Zentrum eines Kleinstaates. Auf der anderen Seite eben diese kleine, überschaubare Republik.

Sebastian Kurz, selbst ein Wiener, spielt mit diesem Gegensatz, er will die Abneigung der Österreicher gegen ihre Hauptstadt nützen und das Bild verstärken, das von der Metropole vorherrscht: Es gebe viele, die überlegten, in einen anderen Bezirk umzuziehen, weil sie sich in ihrer Straße mittlerweile fremd fühlten, sagte er einmal. Dass Wien in jedem Ranking der lebenswertesten Städte ganz vorne steht? Egal. Dass die Wiener Stadtplanung seit mehr als 100 Jahren die soziale Durchmischung gefördert und eine Ghettoisierung weitgehend verhindert hat? Einerlei. Wien, so hört man in Wahlkampfzeiten am Land oft, sei ein Moloch, durchzogen von gesellschaftlichen Konflikten und überrannt von Flüchtlingen und politischen Islamisten.

Von dieser Stimmung will Sebastian Kurz bei der Nationalratswahl am Sonntag profitieren. Er weiß, dass Wien und das übrige Österreich politisch unterschiedlich ticken: In der Stadt herrscht die SPÖ, am Land dominiert die ÖVP. Wer Termine von Sebastian Kurz in Wien sucht, wird selten fündig. Der Wahlkampftross tourt durch die Bundesländer, vom Bodensee bis zum Neusiedler See – um seine eigene Heimatstadt macht Kurz einen Bogen. Dafür lässt er sich in einem Werbefilm in ruraler Seligkeit auf dem Bauernhof seiner Großeltern präsentieren, dort sei er nämlich auch aufgewachsen.

Hitler hasste Wien

"Der Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und dem Proletariat – er drückt sich hierzulande aus in dem Gegensatz zwischen Wien und den Ländern", schrieb der austromarxistische Theoretiker Max Adler im Jahr 1927, keine zehn Jahre nach dem Ende der Habsburgermonarchie. Die übernationale Reichsidee war nach dem Ersten Weltkrieg gestorben, von der früheren Großmacht bleibt wenig übrig, ein paar Weinbaugebiete, die Alpenländer – und Wien. Eine Stadt, in der das Kulturleben um die Jahrhundertwende von der Wiener Moderne geprägt wurde, getragen von einem intellektuellen Judentum und abgekoppelt von der Provinz.

Der Kleinstaat Österreich wurde zu einem föderalistischen Gebilde, die Bundesländer waren katholisch dominiert, die Hauptstadt sozialdemokratisch, das "rote Wien" entstand. "Hier wurde eine sozialdemokratische Gegenkultur konzipiert, mit starker Betonung der Arbeiterkultur und des sozialen Wohnbaus", sagt Wolfgang Maderthaner, Historiker und Direktor des Österreichischen Staatsarchivs.

Mit der Wirtschaftskrise ab 1929 begann ein finanzieller Feldzug gegen Wien. Die Länder versuchten, auf das Budget der Stadt zuzugreifen, und der katholisch geprägte austrofaschistische Ständestaat, der 1933 errichtet wurde, verfolgte ein Anti-Wien-Programm. Im Deutschen Reich wurde Wien zur Provinzstadt degradiert, Adolf Hitler hasste diese Stadt, in der er einst als gescheiterter Künstler lebte.

Wahl in Österreich - Lieblingsthema Einwanderung ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz mobilisiert vor allem junge Wähler. Im Wahlkampf verspricht er, Arbeiter zu unterstützen und Einwanderung einzudämmen. © Foto: Thomas Kronsteiner/Getty Images