Das gut achtminütige Video, das der Präsident Anfang der Woche höchstpersönlich auf Twitter teilte, zeigt einen reibungslosen Ablauf der Aufräumarbeiten in Puerto Rico. Zu sehen sind Mitglieder des US-Militärs, die Wasser liefern, Straßen von umgefallenen Bäumen befreien, Boote mit Medikamenten an Bord und Trucks, die Diesel für die Generatoren bringen. Später zeigen die Bilder Donald Trump und die First Lady, während sie Anwohnern die Hände schütteln. "Was die Fake-News-Medien Ihnen in Puerto Rico nicht zeigen", heißt es zu Beginn. Unterlegt ist der Regierungsfilm mit dramatischer Musik, die dem Ganzen den Anschein eines Werbeclips der US Army verleihen. Die Botschaft ist klar: Egal, was die Medien berichten – die Lage ist unter Kontrolle.

Was in dem Video nicht erwähnt wird: Auch knapp drei Wochen nach Wirbelsturm Maria sind fast 90 Prozent der Insel ohne Stromversorgung, mehr als ein Drittel der Bewohner hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser oder dem Mobilfunknetz. Inzwischen gibt es die ersten Fälle von Leptospirose, die auf verschmutztes Wassers zurückgeführt werden. Die offizielle Zahl von 45 Toten dürfte in den kommenden Wochen weiter steigen. Puerto Rico ist US-Außengebiet, seine 3,4 Millionen Bewohner sind amerikanische Staatsbürger. Die Bürgermeisterin von San Juan, Carmen Yulín Cruz, bittet angesichts der Lage seit Tagen per Twitter um weitere Hilfe. Der Strom im Krankenhaus von San Juan sei ausgefallen, aber von der Regierung in Washington komme "nichts!". "Wir brauchen Wasser!", wiederholte sie in mehreren Tweets.

Puerto Rico lag am Boden, dann kam der Sturm

Experten warnen, die Katastrophe könne die Insel um Jahrzehnte zurückwerfen. Puerto Rico leidet unter einer anhaltenden Rezession und hat beim Versuch, zahlungsfähig zu bleiben, Schulden von rund 73 Milliarden US-Dollar angehäuft. Seit mehr als einem Jahr streitet die Regierung mit Gläubigern und Investoren, die auf der Zahlung der Gelder bestehen. Viele Einwohner haben Puerto Rico in den vergangenen Jahren auf der Suche nach Jobs verlassen und sind auf das Festland umgezogen; zurück blieben jene, die nicht gehen konnten. Puerto Rico befinde sich in einer Todesspirale, warnte der Gouverneur schon vor zwei Jahren. Nicht einmal die Gehälter von Staatsbediensteten oder Renten kann die Regierung derzeit aus eigener Kraft zahlen. Ende des Monats könnte die Regierung zahlungsunfähig werden. Die wirtschaftliche Erholung könne sich über Jahre hinziehen, schätzten Ökonomen – und das war, bevor Maria kam.

Jetzt geht es für die Insel und ihre Bewohner ums Überleben. Neue Regenfälle behindern seit Tagen die Aufräumarbeiten und erschweren die medizinische Versorgung. Dialyse-Patienten würden wichtige Behandlungen nicht erhalten, weil es nicht genügend Generatoren gebe, um die Maschinen zu betreiben, berichtete die New York Times. Nur ein Bruchteil des medizinischen Personals könne derzeit überhaupt arbeiten, es fehle an Medizin, während die Patientenzahlen stiegen. Viele Straßen sind durch die Regenfälle in den vergangenen Tagen zu Schlammfallen geworden. Fahrten aus der Hauptstadt San Juan in benachbarte Orte dauern so statt eineinhalb Stunden einen halben Tag. Vielerorts müssen die Bürger die Arbeit selbst übernehmen, weil die organisierten Helfer nur langsam in die umliegenden Gebiete kommen.