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Die Briten sehen sich selbst gern als pragmatisches und ernstzunehmendes Volk. Und doch ist ihre Regierung gerade von einer Ängstlichkeit befallen, die an Hysterie grenzt. Drei Themen verursachen diese neurotische Situation: der Brexit, die Enthüllungen über sexuelle Belästigungen und die Paradise Papers. Jedes Thema für sich hat zu emotionalen Debatten geführt, die nur wenig Raum für vernünftiges Nachdenken lassen und Parteien, Unternehmen und Medien spalten. Zusammen haben sie das Chaos in Theresa Mays Kabinett offenbart. Denn es scheint, als habe dieses zunächst den Bezug zur Realität und schließlich auch die Kontrolle verloren. Für den Rest Europas sind das verstörende Neuigkeiten: Es ist schwierig, mit einem Partner neue Beziehungen auszuhandeln, der am Rande des Nervenzusammenbruchs steht.

Die Paradise Papers haben gezeigt, dass mit der britischen Version des freien Unternehmertums etwas komplett falsch läuft. May hat seit ihrer Ankunft in der Downing Street versucht, einen milderen, mitfühlenderen Kapitalismus in Gang zu setzen. Aber die Paradise Papers haben enthüllt, dass dieses System nur mild und mitfühlend für die dicken Fische ist. Angestellte und kleine Unternehmen müssen weiter ihre Beiträge bezahlen, während die Reichen und große Firmen viele Steuern einfach umgehen. Zu diesen Steuervermeidern gehören auch solche britischen Symbole wie die königliche Familie, ein Formel-1-Gewinner und die Oxford-Universität. Dass ähnlich skandalöse Fälle auch schon vor zwei Jahren in den Panama Papers enthüllt worden waren, zeigt, dass das System der Steuervermeidung immun gegen jeden öffentlichen Aufschrei ist. Denn geändert hat sich seitdem nichts.

Dass an britischen Arbeitsplätzen etwas falsch läuft, zeigt die jüngste Flut an Beschwerden über sexuelle Belästigung. Und das schließt auch die "Mutter der Demokratie" mit ein: das britische Parlament. Politiker unterschiedlicher Parteien haben über Jahre hinweg Einfluss gegen sexuelle Vergnügungen getauscht, jetzt wird gegen sie ermittelt. Das Ganze betraf nicht nur junge Praktikantinnen, sondern sogar Ministerinnen. Es heißt, dass der Verteidigungsminister zum Rückzug gezwungen wurde, nachdem ein ehemaliges Kabinettsmitglied von unzulässigem Verhalten ihr gegenüber berichtet hatte. Wenn im Parlament keine höheren moralischen Standards gelten als in Hollywood, dann ist die "Mutter der Demokratie" in Schwierigkeiten. Die britischen Wähler erinnern sich außerdem noch lebhaft an das Jahr 2009: Ein Spendenskandal erschütterte das Parlament. Dessen Mitglieder hatten öffentliche Gelder privat ausgegeben – unter anderem für Entenhäuser und Knoblauchschäler.

"Die Revolution muss weitergehen"

Der Brexit schließlich hat offengelegt, dass die Politiker persönliche Ambitionen über die Gesundheit der britischen Wirtschaft stellen. Hingebungsvolle Brexitiers zocken mit dem Geld der Bürger, um Kontrolle über das britische Kabinett zu bekommen. Aus Angst, überflüssig zu werden, lehnen sie einen Kompromiss mit den EU-Verhandlern ab. Für sie wäre der harte Brexit eine Möglichkeit, politische Gegner zu beseitigen und sich Posten zu sichern. Seit die Befürworter eines harten Brexits nur eine kleine Minderheit im Parlament darstellen, arbeiten sie hart daran, den "Willen des britischen Volks" heraufzubeschwören. Die Warnungen der Bank of England und der britischen Firmen ignorieren sie komplett, denn: "Die Revolution muss weitergehen" ist ihr Slogan, deren Preis egal.

Die Inkompetenz an der Spitze der Torys ist auffallend. Dort herrschen nicht weniger als Chaos, Verwirrung und Ohnmacht. Die britische Presse überschlägt sich mit kaum übersetzbaren Schlagzeilen zum würdelosen Durcheinander in der "Zombieregierung" (Daily Mirror). Aber wie auch immer man es beschreiben will, eines ist klar: Europa hat keinen ernstzunehmenden Verhandlungspartner. Die britische Regierung mit Verhandlungsbedingungen, Kompromissen oder Deadlines zu konfrontieren, ist zurzeit sinnlos. Die Briten sind mit sich selbst beschäftigt und können keinen sinnvollen Dialog führen – geschweige denn an einem gemeinsamen Projekt arbeiten.

Die Briten halten die Schmerzen besser aus

Obwohl sich die Briten einen Großteil dieses Durcheinanders selbst zuzuschreiben haben, hat es keinen Sinn, sich an Schuldzuweisungen zu beteiligen. Falls es zu keinem Brexit-Deal kommen sollte, wird das ernsthafte Auswirkungen haben, nicht nur für die Briten, sondern für den gesamten Kontinent. Europa und das Vereinigte Königreich sind eng miteinander verbunden, und die EU kann einen weiteren Schock nicht gebrauchen. Zu groß sind die ökonomischen, sicherheitspolitischen und kulturellen Verbindungen zwischen dem Land und der Union. Die EU ist eine fragile politische Konstruktion, die derzeit schon mit genügend anderen Problemen zu kämpfen hat. Natürlich wäre der Schmerz eines harten Brexits auf der Insel stärker zu spüren, keine Frage. Aber die Briten könnten sich im Umgang mit Schmerzen als widerstandsfähiger erweisen als einige Europäer.

Schließlich sind die Europäer gerade nicht in der Position, um den Briten moralische Lektionen zu erteilen: Die EU wird von einem Mann geführt, der selbst als Symbol für das Steuervermeidungssystem in Europa gilt; In einem der größten Länder Europas könnte bald ein Mann zurückkehren, der selbst Bunga-Bunga-Orgien veranstaltet hat; In anderen europäischen Staaten marschieren Zehntausende Rechtsextreme auf der Straße, die Rauchbomben werfen und EU-Flaggen verbrennen. Und wie soll man erklären, dass sogar in den Ländern, in denen es eigentlich gut läuft, so viele Menschen für Parteien wie die AfD und FPÖ gestimmt haben? Nicht nur in England, auf dem ganzen Kontinent haben die Menschen angefangen, die EU zu verachten. Bisher hat noch kein einziger Beamter die Verantwortung dafür übernommen. Vielleicht sollten diejenigen, die mit Verachtung auf die Briten herabsehen, mal in den Spiegel schauen. Denn es gibt zu viele beunruhigende Entwicklungen in Europa – und zu wenige Lösungen.

Aus dem Englischen übersetzt von Imre Balzer.