Am zweiten Tag nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche zu einer möglichen Jamaika-Koalition konzentrieren sich die internationalen Medien vor allem auf die Folgen für Europa. Die Unsicherheit in der größten europäischen Volkswirtschaft werde auch die EU und mögliche Reformpläne – etwa die von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron – beeinflussen, sind sich viele Kommentatoren einig.

Die linksliberale französische Tageszeitung Libération etwa sieht im Scheitern der Jamaika-Sondierungen "eine schlechte Nachricht für das politische Leben in Deutschland, aber auch für Europa, das nun eine seiner wichtigsten Säulen wanken sieht". Es sei auch "eine schlechte Nachricht für die Idee eines offenen Europas, für das viele – wenn auch immer weniger – Europäer eintreten". Letztlich sei es die Einwanderungsfrage gewesen, die die legendäre politische Stabilität der Bundesrepublik nach und nach ausgehöhlt habe.

Der Zürcher Tages-Anzeiger kommentiert, die Instabilität in Deutschland betreffe ganz Europa. "Solange in Berlin niemand regiert und nicht klar ist, welche Zukunft Merkel noch hat, geht die Hauptrolle an Emmanuel Macron über, den jungen französischen Präsidenten." Um seine Pläne zu einer Neugründung der EU umzusetzen, sei er allerdings auf die Handlungsfähigkeit Deutschlands zwingend angewiesen – welche nun noch länger fehlen werde als befürchtet. "Macron aber braucht schnelle Resultate, sonst wird sein Elan verpuffen."

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Einheitliches Europa sei ohne Merkel nicht vorstellbar

Die sozialdemokratische Budapester Tageszeitung Népszava schreibt, dass es nun sogar ungewiss sei, ob Angela Merkel Kanzlerin bleiben werde. Mit Blick auf die Zukunft der EU sei das eine dramatische Nachricht. "Merkel ist es zu verdanken, dass es der Union gelang, durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise zu kommen. Nach dem Beinahe-Bankrott der mediterranen Länder hielt sie die Eurozone zusammen. Es gelang ihr, die Flüchtlingskrise zu managen, in einer aussichtslos scheinenden Lage, als fast zwei Millionen Menschen Deutschland überschwemmten." Die deutsche Kanzlerin sei die einzige Politikerin, die nicht nur für die EU-Reformvorschläge von Macron ein offenes Ohr habe, sondern die es auch verstehe, mit den mittel-osteuropäischen Rebellen ("wie dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán") im Gespräch zu bleiben. "Ohne Angela Merkel können wir uns ein einheitliches Europa derzeit praktisch nicht vorstellen."

Die belgische Zeitung De Tijd beschäftigt sich ebenfalls mit der Zukunft der deutschen Kanzlerin: "Natürlich darf man eine Politikerin vom Format Angela Merkels niemals abschreiben, auch nicht im Falle von Neuwahlen in Deutschland. Sie hat stets große Elastizität bewiesen." Doch die jetzige Krise gehe tiefer, ihre politische Zukunft sei zumindest bedroht. Obendrein dürfe ein erneuter Wahlkampf die politischen Gegensätze erneut schüren. "Am Ende könnte die Bundeskanzlerin durchaus eher das Problem als die Lösung sein", schreibt die Zeitung. "Durch die politische Instabilität in Deutschland wird nun unvermeidlich auch die europäische Politik weniger offenkundig." 

Merkels Tage seien gezählt

Die Londoner Times sieht im Scheitern der Jamaika-Sondierungen die größte Krise Merkels politischer Karriere: "Die Bundeskanzlerin hatte im September die Wahlen nach einem dürftigen Wahlkampf nur knapp gewonnen. Aber es wurde weithin angenommen, dass sie als Chefin der größten Partei, der Christdemokraten, dennoch in der Lage sein würde, eine stabile Koalitionsregierung zustande zu bringen." Ihre Tage seien nun gezählt. Wenn Merkel aber gehe, stehe Macron ohne Unterstützung in Europa da. "Innenpolitische Unsicherheiten behindern Großbritannien, Spanien und Italien. Bei den Mitteleuropäern wächst der Euroskeptizismus."

Die Wiener Zeitung Die Presse sieht in der aktuellen Situation hingegen auch eine Chance für Merkel: "Wenn sie in gewohnter Manier die Nerven bewahrt, kann sie die große Nutznießerin des Jamaika-Desasters sein. Die Deutschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Stabilität." Es sei daher gut möglich, dass sie bei Neuwahlen vermehrt für die Kanzlerin stimmen würden, damit nur ja klare Verhältnisse entstehen. "Genau deshalb fackelte Merkel nicht lang und stellte klar, dass sie Neuwahlen anstrebe und dabei als Spitzenkandidatin antreten werde." Dem Wahlkampf sehe Merkel sicher mit wenig Freude entgegen; aber sie besitze Pflichtbewusstsein: "gegenüber Deutschland, Europa – und der eigenen Partei". Mit ihr hätte die Union noch immer die besten Aussichten auf einen Wahlsieg – auch wenn eine Jamaika-Koalition in absehbarer Zeit nicht zustande kommen werde.