Nur der Name ist geblieben. Was der IS "Staat" nannte, ist so krachend untergegangen, wie es zuvor auf der Bildfläche erschienen war.

Vor drei Jahren noch, in seinen besten Zeiten, herrschte der selbsterklärte Staat über ein Territorium von wahrscheinlich 100.000 Quadratkilometern – ganz genau weiß das niemand. Die Fläche entspricht der von Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Nur, dass in Syrien und Irak so manche Ölquelle liegt und damit viel Geld im Boden. Die Terrorgruppe verdiente große Summen mit ihrem Staatsprojekt, indem sie Erdöl förderte und exportierte, die Bevölkerung von fast zwölf Millionen Menschen erpresste und enteignete, Antiquitäten auf dem Schwarzmarkt handelte sowie – nicht zuletzt – Steuern erhob. Allein mit den Öleinnahmen brachte es der IS im Jahr 2015 Berechnungen zufolge auf Einnahmen von bis zu 35 Millionen Euro jeden Monat.

Das ist nun vorbei: Nur ein Zehntel der ursprünglichen Ausdehnung des "Islamischen Staats" soll noch übrig sein, das meiste davon im Grenzgebiet zwischen Syrien und Irak. Die IS-Kämpfer wurden inzwischen aus ihren letzten Bastionen Rakka und Deir al-Sur vertrieben. Im Irak hat die Terrorgruppe alle Ölfelder verloren und in Syrien vor Kurzem die größte Ölquelle des Landes. Da stellt sich die Frage, womit sich die Gruppe heute eigentlich finanziert und wie sie sich überhaupt noch organisiert. 

Gebiete des IS in Syrien und Irak

September 2015: Maximale Ausbreitung des IS
 Gebiete unter Kontrolle
 Gebiete mit Unterstützung

November 2017:
 Rückzugsgebiet des IS*

Zwei Mal wurde der IS abgeschrieben

Eine Organisation wie den IS sollte man nicht vorschnell abschreiben. Das ist den US-Streitkräften im Irak schon zwei Mal passiert, erst im Jahr 2008 und dann noch einmal 2011, mit den bekannten, fatalen Konsequenzen. Was wir gerade sehen, ist nicht das Ende der Terrorgruppe, sondern ihre Verlagerung: Weg vom eigenen Territorium zurück in den Untergrund, von wo aus sie als kriminelles Netzwerk weiter die lokale Bevölkerung terrorisiert. Auch darin hat der IS einige Erfahrung, seit mehr als zehn Jahren lässt sich dieses Verschwinden und Wiedererstarken beobachten.

Solange der IS Gebiete kontrolliert, kann sich die Organisation auf Erdöleinnahmen verlassen. Zuletzt waren das immerhin knapp 3,5 Millionen Euro monatlich. Gemessen am einstigen Reichtum mag das wenig erscheinen, doch sind ja auch die Ausgaben für die zu versorgende Bevölkerung gesunken. Es muss weniger Gebiet verwaltet werden und der Sold für Rekruten ist auf einen Bruchteil geschrumpft. Dann erscheinen 42 Millionen Euro Jahresumsatz für eine Terrororganisation doch recht stattlich.

Die Terrorgruppe wird wieder zur Mafiaorganisation

Und auch in einem winzigen Gebiet lässt sich lokaler Ölkonsum besteuern, Wegezoll von Öltrucks verlangen oder eben plündern. Erpressungen und Schutzgeld sind ganz ohne eigenes Territorium möglich. Gerade in Ostsyrien und im Westirak ist die staatliche Ordnungsmacht weitestgehend abwesend – nicht zuletzt wegen des verlustreichen Kriegs gegen den IS. Bei den Kämpfen um Mossul beispielsweise sollen die Spezialeinheiten der irakischen Armee 40 Prozent ihrer Soldaten und ihres militärischen Equipments eingebüßt haben. Auch Fundraising und Spenden gehören zu jenen Einnahmequellen der Terrorgruppe, für die sie kein eigenes Gebiet braucht.

Der IS verwandelt sich auf diese Weise wieder zurück in die kriminelle Mafiabande, die er einmal war. Als solche lebt er vom Drogenschmuggel, Menschenhandel, Entführungen oder illegalen Finanzgeschäften. Und erhält sich die personelle und finanzielle Basis für einen erneuten Aufstieg, sobald der Moment günstig ist. Das nächste Machtvakuum, der nächste Bürgerkrieg oder die nächste Unterdrückung der sunnitischen Minderheit kommen bestimmt.

Vom analogen zum digitalen Kalifat

Bevor es so weit ist, schmälern die finanziellen Verluste die Beliebtheit der Dschihadisten. Weniger Geld ist schlecht für die Moral. Das hat sich schon gezeigt, als die USA Ende 2015 mit Luftangriffen gezielt die Finanzstrukturen der Organisation angriffen und zum Beispiel ein wichtiges Bargelddepot bombardierten.

Doch der IS ist anpassungsfähig und wandlungsfähig. Um die Demoralisierung auszugleichen, die die finanziellen Rückschläge zur Folge hatten, verlegt sich die Dschihadistengruppe vom territorialen Kalifat auf ein virtuelles, wie Sicherheitsexperten beobachten. Wenn die Gruppe schon nicht mehr mit einer Staat gewordenen Fantasie die Massen anziehen kann, so kann sie immer noch ihre Ideologie im Internet verbreiten und sich als virtuelle Community erhalten.