In Japan dreht sich die außen- und sicherheitspolitische Debatte derzeit fast ausschließlich um zwei Länder: Nordkorea  und die unmittelbare Gefahr seines Atomprogramms, und China mit seinem Vormachtstreben. Für andere Themen, zum Beispiel Migration oder islamistischen Terror, bleibt nur wenig Platz. Über sie spricht in Tokio niemand.

Natürlich: Über Donald Trump redet man schon. Japans Premierminister Shinzo Abe hat sehr um den Amerikaner geworben. Er hat ihn umschmeichelt, noch bevor er im Amt war, doch genutzt hat es Abe wenig. Kaum hatte Trump das Präsidentenamt angetreten, kündigte er die Transpazifische Partnerschaft (TPP) auf, ein zwischen zwölf Nationen vereinbartes Freihandelsabkommen, von dem die Vereinigten Staaten wohl am meisten profitiert hätten. Das war eine unfassbare Dummheit. Nun versucht Japan gemeinsam mit den anderen verbliebenen zehn Staaten, das Abkommen als "TPP 11" zu retten.

Wenigstens auf Trumps Härte gegenüber dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un kann sich Abe bisher verlassen. Hier fahren beide den gleichen kompromisslosen Kurs. Für Japan gibt es aus Sicht des Premiers keine größere Bedrohung als das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm. Er findet: Damit Kim seine Nuklearwaffen aufgebe, müsse größtmöglicher Druck auf ihn ausgeübt werden. Da ist er sich mit Trump völlig einig.

Auf die Europäer hingegen glaubt sich Abe weniger verlassen zu können. Da gebe es, sagt er, immer noch Regierungen, die ohne Vorbedingungen zu einem Dialog mit Nordkorea bereit seien. Doch dies sei nicht die Zeit, um mit Nordkorea zu reden. Diese Botschaft hört man in Tokio auch im Außenministerium und in den meisten Thinktanks. Damit es überhaupt zu Gesprächen kommen könne, müsse Nordkorea auf seine atomare Bewaffnung verzichten – vollständig, überprüfbar und irreversibel.

Unsichere Chinesen

Die Chinesen gelten in diesem Konflikt als unsichere Kantonisten. Tokios Regierung glaubt nicht, dass sie die im UN-Sicherheitsrat beschlossenen Sanktionen gegen Nordkorea mit aller Konsequenz durchsetzen werden. Als Ende vergangener Woche ein Sonderbotschafter aus Peking nach Pjöngjang reiste, war das Misstrauen groß. Größtmöglichen Druck auf Nordkorea jedenfalls übt China aus japanischer Sicht keineswegs aus.

Dabei hatte sich das Klima zwischen Peking und Tokio in jüngster Zeit etwas erwärmt. Innerhalb einer Woche traf Abe sowohl Partei- und Staatschef Xi Jinping als auch Premier Li Keqiang. China ist für Japan – wie für inzwischen fast hundert Länder, unter ihnen auch Deutschland – der wichtigste Handelspartner. Zugleich bleibt seine wachsende Macht die alles beherrschende strategische Herausforderung, auf die Japans Außenpolitik eine Antwort finden muss.

Sie versucht dies gegenwärtig mit dem Konzept eines "freien und offenen Indopazifik". Dahinter verbirgt sich die Idee eines Bündnisses der großen Demokratien USA, Japan, Indien und Australien, das sich dem Ausgreifen Chinas im Pazifischen und Indischen Ozean entgegenstellen soll. Japan treibt diesen Plan, unterstützt von der Regierung Trump, energisch voran. Indien hingegen hat lange gezögert, sich der Idee anzuschließen. Doch zuletzt zeigte es sich aufgeschlossener.

Das liegt vor allem an Chinas Projekt einer "neuen Seidenstraße", das gigantische Infrastrukturprojekte in den Nachbarstaaten Indiens vorsieht. Besonders die wie an einer "Perlenkette" aufgereihten Tiefwasserhäfen, die China von Sri Lanka über Pakistan bis nach Oman plant oder bereits baut, machen die Inder nervös.

Und so hat ein mächtiges strategisches Ringen begonnen, in dem sich China dem Versuch einer Einkreisung ausgesetzt sieht, während sich seine Nachbarn gegen seine Aufrüstung und die rücksichtslose Durchsetzung machtpolitischer Interessen wehren. Japan setzt darauf, dass die Amerikaner im Südchinesischen Meer – der wichtigsten Handelsroute in der Region – die Freiheit der Schifffahrt auch künftig verteidigen werden, obwohl mancher in Tokio an der Verlässlichkeit Donald Trumps zweifelt. Die Australier sollen ebenfalls helfen, gern auch die Europäer.

"Sie wollen die deutsche Marine im Südchinesischen Meer?", frage ich einen ehemaligen Vize-Verteidigungsminister. "Natürlich!", ruft der aus. Und lacht. Er weiß, die Europäer  spielen sicherheitspolitisch in Asien keine Rolle. Immerhin: Kürzlich hat Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg Japan und Südkorea besucht. Beide Länder sind offizielle Partner des nordatlantischen Bündnisses. Und erstmals haben die Nato-Verteidigungsminister im November das Thema Nordkorea auf ihre Agenda gesetzt.

Auch das hat Kim Jong Un mit seiner wahnwitzigen Nuklearaufrüstung also geschafft. Shinzo Abe weist schon einmal darauf hin: Kims Interkontinentalraketen würden nicht nur die Vereinigten Staaten erreichen, sondern auch Europa. Folgerichtig verlangt er von den Europäern größtmöglichen Druck auf Nordkorea – und keinen Dialog, schon gar nicht ohne Vorbedingungen. Er hat noch keine klare Antwort aus Europa erhalten. Auch deshalb ist ihm Trump der liebste Verbündete. Wenn er da mal auf den Richtigen setzt.