Für die USA ist der Fall Zarrab ein nicht ganz gewöhnlicher Prozess zu mutmaßlichen Sanktionsverstößen. Für die Türkei jedoch handelt es sich bei dem am Dienstag begonnenen Verfahren in New York um nichts weniger als eine "Verschwörung" zum Sturz von Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Im Mittelpunkt steht der iranisch-türkische Geschäftsmann Reza Zarrab. Ihm wird vorgeworfen, über die türkische Halkbank große Mengen Gold in den Iran gebracht zu haben, um iranische Gaslieferungen zu bezahlen – für Washington ein klarer Verstoß gegen US-Finanzsanktionen.

Noch vor dem eigentlichen Beginn des Verfahrens verkündete der Richter Richard Berman, dass Zarrab selbst nicht als Angeklagter auftreten werde. Der einzige Angeklagte, der sich vor Gericht verantworten müsse, sei der Halkbank-Vize Mehmet Hakan Atilla, sagte Berman bei der Auswahl der Jury. Zwar sind in dem Fall noch weitere Türken angeklagt, unter ihnen ein früherer Wirtschaftsminister, doch nur Atilla und Zarrab wurden in den USA festgenommen, wobei Zarrab die Untersuchungshaft inzwischen verlassen haben soll.

Schon seit Zarrab im März 2016 in Miami auf einer Reise mit seiner Familie festgenommen worden war, gab es Gerüchte, er habe eingewilligt, im Gegenzug für eine Strafminderung auszupacken. Bei der Prozesseröffnung gab dann die Staatsanwaltschaft bekannt, dass Zarrab auf schuldig plädiert habe und nur noch als Zeuge gegen Atilla auftreten werde. Der 34-Jährige werde die "wahre Geschichte" über die Gold-gegen-Gas-Geschäfte mit dem Iran erzählen, kündigte der Staatsanwalt an.

Alte Korruptionsvorwürfe könnten wieder hochkommen

Für Erdoğan wird damit ein Albtraum wahr. Er ist seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump bemüht, die belasteten Beziehungen zu Washington zu beruhigen. Sollten sich in dem Prozess nun aber Vorwürfe bestätigen, dass die halbstaatliche Halkbank mit Wissen Erdoğans die Iran-Sanktionen unterlaufen hat, könnte dies nicht nur eine hohe Geldstrafe gegen die Bank zur Folge haben, sondern der Türkei auch viel Vertrauen in den USA kosten.

Darüber hinaus muss Erdoğan fürchten, dass in dem Prozess alte Korruptionsvorwürfe wieder hochkommen. Es besteht seit Langem der Verdacht, dass die türkische Führung nicht nur über Zarrabs Goldgeschäfte informiert war, sondern auch direkt davon profitiert hat. So stand Zarrab auch im Mittelpunkt der Korruptionsermittlungen, die im Dezember 2013 die Türkei in Aufruhr versetzten: Bis Erdoğan die Einstellung der Ermittlungen erzwang, mussten vier Minister ihre Posten räumen.

Im Zuge der Ermittlungen tauchten auch Telefonmitschnitte auf, auf denen Erdoğan zu hören sein soll, wie er seinen Sohn Bilal anweist, Schuhkartons voll Geld aus dem Haus zu schaffen. Doch Erdoğan verdammte die Ermittlungen als Versuch seines einstigen Verbündeten Fethullah Gülen zum Sturz seiner Regierung. Tausende Staatsanwälte, Polizisten und Richter wurden unter dem Verdacht versetzt, zur Gülen-Bewegung zu gehören. Zarrab kam dagegen wieder frei.

Das Verfahren könnte der Türkei wirtschaftlich gefährlich werden

Dass der Fall Zarrab nun in New York vor Gericht kommt, stellt Erdoğan als erneute Verschwörung Gülens dar, den er auch für den gescheiterten Militärputsch von Juli 2016 verantwortlich macht. Der Fall sei politisch motiviert und ein "Komplott gegen die Türkei", wetterte ein Regierungssprecher. Atilla und Zarrab würden als "Geiseln" gehalten und die US-Justiz habe Zarrab gezwungen, "Verleumdungen" gegen die Türkei zu unterzeichnen. Der Fall müsse eingestellt werden.

Laut der türkischen Regierung hat die US-Justiz in dem Fall illegale Telefonmitschnitte aus den Korruptionsermittlungen von Dezember 2013 als Beweise zugelassen. Die türkische Justiz leitete deswegen vergangene Woche Ermittlungen gegen zwei US-Staatsanwälte ein. Am Dienstag stellte sie zudem Haftbefehle gegen zwei Türken aus, die "gefälschte Dokumente" an die US-Justiz übergeben haben sollen, darunter ein Bericht zur Rolle der Halkbank bei den Goldgeschäften.

Erdoğan hat im vergangenen Jahr immer wieder versucht, den Fall zu entschärfen. So soll es Gespräche mit dem früheren New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani gegeben haben, den Zarrab als Vermittler engagiert hatte. Als alles nichts half, verlegte sich die türkische Regierung darauf, den Fall als "Verschwörung" gegen die Türkei zu diskreditieren. Kaum ein Tag verging in den vergangenen Wochen, an dem die türkische Regierungspresse keine Artikel und Kommentare dazu veröffentlichte.

USA nennen die Vorwürfe "lächerlich"

Die US-Regierung hat jedoch alle Vorwürfe als "lächerlich" abgetan. Es sei das "gleiche alte Lied" aus Ankara, bemerkte eine Außenamtssprecherin trocken. Beobachter warnen, mit seinen Verschwörungstheorien überzeuge Erdoğan womöglich sein heimisches Publikum, nicht aber die US-Öffentlichkeit. Vielmehr könnten seine Behauptungen, die New Yorker Staatsanwälte versuchten ihn im Auftrag Gülens zu stürzen, das Image der Türkei nur noch weiter beschädigen.

Auch wirtschaftlich könnte das Verfahren für die Türkei gefährlich werden. Die USA haben schon mehrfach hohe Strafen gegen Geldhäuser verhängt, die aus ihrer Sicht gegen Iran-Sanktionen verstoßen haben. Zwar steht die Türkei mit der Ansicht nicht allein da, dass US-Sanktionen nicht bindend sind für nicht-amerikanische Unternehmen. Doch dürfte dies das New Yorker Gericht kaum davon abhalten, auch die Halkbank zu einer Geldstrafe zu verurteilen.

Für Unruhe an den türkischen Finanzmärkten sorgten daher Gerüchte über eine Fusion der Halkbank mit einer anderen staatlichen Bank. Die Halkbank dementierte zwar, aber die ohnehin schwache türkische Lira verlor weiter an Wert. Sollte die Halkbank sanktioniert werden, könnte dies auch negative Konsequenzen für andere Banken haben. Eine Finanzkrise ist aber das Letzte, was Erdoğan vor den wichtigen Präsidentenwahlen 2019 gebrauchen kann.