Angetreten war Roy Moore, um als Außenseiter das Establishment der Republikaner in Washington aufzurütteln: Der ehemalige Richter und konservative Hardliner will den freien Senatssitz von Justizminister Jeff Sessions in Alabama übernehmen. Doch wenige Wochen vor der Wahl am 12. Dezember ist der 70-Jährige von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt worden. Angesichts der Vorwürfe sexueller Belästigungen schrieben die Herausgeber der drei größten Zeitungen des US-Bundesstaats in einem gemeinsamen Brief: "Seine Kandidatur ist vorbei." Moores wahrer Charakter habe sich in den vergangen Tagen offenbart. Wenn die Partei nicht verhindere, dass er in den Senat einziehe, dann täten das eben die Wähler. Das träfe nicht nur ihn selbst, sondern wäre auch ein schwerer Schlag für den rechten Strategen Steve Bannon, der nach seinem Rückzug aus dem Weißen Haus im August eine Revolution innerhalb der Republikanischen Partei betreibt. Er hatte Moore aufgebaut.

Zum ersten Mal waren die Vorwürfe gegen Moore in der vergangenen Woche von der Washington Post aufgedeckt worden. Die Zeitung hatte berichtet, Moore habe während seiner Zeit als Staatsanwalt in Alabama eine 14-Jährige in seinem Haus sexuell belästigt, da war er selbst 32. Drei weitere Frauen im Alter von 16 bis 18 Jahren hatten berichtet, von Moore in dieser Zeit zu Verabredungen gedrängt worden zu sein. Seitdem haben sich die Vorwürfe weiter erhärtet. In dieser Woche trat noch eine weitere Frau vor die Presse: Sie sei von Moore als 16-Jährige sexuell belästigt worden, als sie in einem Restaurant arbeitete, in dem er Stammgast war. Der damals 32-Jährige soll der jungen Frau angeboten haben, sie nach Hause zu fahren, dann aber in einer Seitengasse angehalten haben und handgreiflich geworden sein. Sie habe sich geweigert, und Moore habe sie vor Konsequenzen gewarnt, sollte sie den Vorfall öffentlich machen. Selbst einen Eintrag in ihrem Highschool-Jahrbuch hatte der erwachsene Mann offenbar hinterlassen.

Das Parteiestablishment macht inzwischen mächtig Druck: Mitch McConnell, der Mehrheitsführer im Senat, hat Moore bereits zum Rücktritt aufgefordert. Auf Nachfrage eines Reporters, wer im aktuellen Fall die Beweislast trage, antwortete McConnell knapp: "Ich glaube den Frauen." Mit Paul Ryan schloss sich auch der zweitmächtigste Republikaner im Kongress an und legte Moore nahe, sich von der Wahl in Alabama zurückzuziehen. Allerdings mag ihnen dieser Schritt auch leicht gefallen sein, unterstützt haben sie Moore noch nie: Dessen deutlicher Sieg in den Vorwahlen gegen den Parteifavoriten Luther Strange war ein Schock gewesen. Bis dahin war der ehemalige Richter vor allem aufgefallen, weil er Homosexualität per Gesetz verbieten und Muslimen den Weg in den Kongress versperren wollte. Weil er geltende Urteile des Supreme Courts schlicht ignorierte, hatte Moore schließlich sein Amt verloren.

Die Demokraten wittern ihre Chance

Steve Bannon war durch Moores Erfolg bestärkt worden: Für ihn war es der Beweis dafür, dass sich die wütende Bewegung von unten, die er anzettelt, auch gegen die geballte Kraft des Parteiestablishments durchsetzen kann. Selbst der Präsident, der bis zuletzt Strange unterstützt hatte, sah sich nach dem Sieg gezwungen, öffentlich das Lager zu wechseln und sprach Moore seine Unterstützung aus.

Doch jetzt ist Moore so gut wie erledigt. Sollte er sich weigern, seine Kandidatur zurückzuziehen, können ihn die Republikaner zwar nicht mehr vom Wahlzettel streichen lassen, aber sie können einen eigenen Kandidaten aufstellen. Ein Sieg Moores wäre dann so gut wie ausgeschlossen, schließlich würden sich die Stimmen der Konservativen auf zwei Personen verteilen. Und selbst wenn Moore es in den Senat schaffen sollte, könnte die Partei einen Präzedenzfall schaffen – und das erste Mal seit dem Ende des Bürgerkriegs einen Antrag auf Ausschluss stellen. Moore entspreche nicht den "ethischen und moralischen Anforderungen des US-Senats", fasste es der republikanische Senator Cory Gardner aus Colorado vorsichtshalber bereits zusammen. Die klare Position ist auch politisches Kalkül: Die Partei fürchtet, der Skandal um Moore könne die Kongresswahlen im kommenden Jahr überschatten, sollten die Republikaner nicht rechtzeitig eindeutig Stellung beziehen.

Und so haben mehrere Konservative inzwischen offen angekündigt, im Zweifel wollten sie lieber für den Kandidaten der Demokraten stimmen, wenn Moore weiter zur Wahl stehe. Die Demokraten wiederum wittern nun erstmals eine realistische Chance, in dem eigentlich tiefroten Bundesstaat den Senatssitz zu holen, und steigen noch einmal mächtig in den Wahlkampf ein. Derzeit zeigen Umfragen ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen Moore und dem Demokraten Doug Jones.

Donald Trump, der am Mittwoch von seiner Asienreise zurückkehrt, hat sich bislang nicht zu Moore geäußert. Vorwürfe sexueller Belästigungen hatte es ja auch gegen den Präsidenten in der Vergangenheit gegeben, Konsequenten hatte das für ihn nicht. Und von den Hardlinern der Partei bekommt Moore sogar Unterstützung: Auch Maria sei schließlich eine Teenagerin gewesen, als Josef mit ihr ein Kind zeugte, argumentierte Jim Zeigler, republikanischer Rechnungsprüfer von Alabama.

Moore selbst weist die Vorwürfe zurück. In einem Interview mit Fox-News-Moderator Sean Hannity schloss er nicht aus, mit minderjährigen Mädchen ausgegangen zu sein. Allerdings habe das immer mit Erlaubnis der Mütter stattgefunden. Es handele sich bei den Angriffen um eine politische Verschwörung, um seine Kandidatur für den Senat zu unterwandern. Diese Erzählung prägt inzwischen auch die Wahlkampf-Mails, mit denen Moore seine Anhänger um Spenden bittet: "Mitch McConnell will offenbar lieber einen Demokraten in den Senat wählen, der für Abtreibung ist, als einen Konnservativen", heißt es da. Vielleicht funktioniert das für Moore, aber es sieht nicht gut aus: Der Kaffeemaschinen-Hersteller Keurig zog inzwischen seine Werbeanzeigen von Hannitys Sendung ab, weil er dem Richter ein Forum gegeben hatte.