Das Vorgehen des Königshauses trägt Züge eines Shakespeare-Dramas: Noch nie in seiner Geschichte erlebte Saudi-Arabien eine solch spektakuläre Verhaftungs- und Entlassungswelle wie an diesem Wochenende. Mindestens elf Mitglieder der Königsfamilie, vier gegenwärtige Minister sowie Dutzende ehemalige Minister wurden in der Nacht zu Sonntag festgenommen, darunter der reichste Mann des Landes, Prinz Al-Walid bin Talal. Privatflugzeuge im ganzen Land erhielten Startverbot, um die Flucht von weiteren Gesuchten zu verhindern. Für die Unterbringung der etwa 50 prominenten Gefangenen wurde das Ritz-Carlton-Hotel in Riad geräumt.

Das rabiate Vorgehen offenbart die Handschrift von Kronprinz Mohammed bin Salman, der in nächster Zeit seinen betagten Vater, König Salman, an der Spitze des Landes beerben und weitreichende politische, soziale und wirtschaftliche Reformen durchsetzen will. Im Vorfeld des geplanten Wechsels möchte der 32-Jährige offenbar möglichst viele interne Kritiker in den Reihen der Königsfamilie zum Schweigen bringen und den Einfluss der heimischen Oligarchen beschneiden.

Als Vehikel diente ihm dabei eine kurz zuvor per Dekret eingerichtete "Kommission gegen Korruption", der der Kronprinz vorsitzt. Das neue Gremium, das "das öffentliche Vermögen schützen und korrupte Leute bestrafen soll", besitzt weitreichende Vollmachten. Es kann Festnahmen veranlassen, Reisebeschränkungen verfügen und Vermögen beschlagnahmen.

Neben Prinz Al-Walid bin Talal, dessen Vermögen auf 18 Milliarden Dollar geschätzt wird, wurden auch der Vorstandsvorsitzende der Bin-Laden-Gruppe, der frühere Chef des saudischen Staatsfonds sowie der ehemalige Generaldirektor von Saudi Arabian Airlines verhaftet. Al-Walid bin Talal hält Anteile an Konzernen wie Apple und Twitter und an der Citigroup. Zu seinem Vermögen gehören außerdem Teile der Hotelketten Four Seasons, Fairmont und Mövenpick.

Mitglieder des Königshauses fürchten um Privilegien

Festgenommen wurden außerdem die Chefs von drei großen saudischen TV-Sendern. Zusammen mit seinem Bruder Prinz Turki, dem ehemaligen Gouverneur von Riad, wurde auch der langjährige Chef der Nationalgarde und Sohn des Anfang 2015 verstorbenen Königs Abdullah, Prinz Miteb, entlassen und eingesperrt. Dies festigt die Kontrolle des Kronprinzen über die Sicherheitskräfte.

Nach saudischen Medienberichten eröffnete die Kommission auch ein  Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche in Jeddah, wo 2009 wegen veruntreuter Gelder für Kanalbauten eine verheerende Regenflut mehr als 120 Menschen in den Tod riss. "Damit läutet das Königreich eine neue Ära und Politik der Transparenz, Klarheit und Verantwortlichkeit ein", erklärte der saudische Finanzminister Mohammed al-Dschadan. Nach seinen Worten würden die Entscheidungen das Investitionsklima im Land verbessern und das Vertrauen in die Herrschaft des Rechts stärken. Auch der "Rat der Kleriker", das wichtigste Gremium der saudischen Geistlichkeit, signalisierte Zustimmung und sprach von einem wichtigen Schritt.

Weitere Hintergründe dieses politischen Erdbebens, mit dem sich der Salman-Clan andere Teile der verzweigten Königsfamilie jetzt offen zu Feinden macht, liegen bislang im Dunkeln. Wenige Stunden vor dem Paukenschlag telefonierte König Salman mit US-Präsident Donald Trump. Auch Trumps Schwiegersohn Jared Kushner hielt sich letzte Woche in Riad auf. 

Für Spekulationen, dass Mohammed bin Salman mit seinen Verhaftungen einer Palastrevolte zuvorgekommen sei, gibt es bisher keine Anhaltspunkte. Der Widerstand gegen dessen aggressive Außenpolitik, den Krieg im Jemen und den rabiaten Boykott gegen Katar scheint jedoch massiver zu sein als bisher bekannt. Obendrein fürchten viele Mitglieder der etwa 9.000-köpfigen Königsfamilie um ihre gewohnten Privilegien.

Korruption und Verschwendung öffentlicher Gelder sind in Saudi-Arabien weit verbreitet. In seinem Anfang 2016 veröffentlichten Manifest für Wandel bezifferte Kronprinz Mohammed bin Salman den Missbrauch auf 30 Prozent der Staatsausgaben, das sind rund 70 Milliarden Euro. Viele Amtsträger nutzen ihre Position, um sich von Investoren schmieren zu lassen. Seit Jahrzehnten üblich ist auch die Praxis der sogenannten Tasattur. Saudische Bürger melden dabei unter ihrem Namen Firmen an, die dann von Ausländern gemanagt werden. Der saudische Scheinpartner kassiert regelmäßig Teile des Profites, ohne je einen Finger zu rühren.