Harte Worte kommen dieser Tage aus Saudi-Arabien. "Wir werden die libanesische Regierung als eine Regierung behandeln, die uns den Krieg erklärt hat", sagte der saudische Minister für Golfangelegenheiten, Thamer al-Sabhan, nachdem der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri seinen Rücktritt erklärt hatte. Mittlerweile forderte die saudische Regierung alle im Libanon lebenden Staatsangehörigen auf, das Land zu verlassen; weitere Golfstaaten folgten. Auch den jemenitischen Raketenangriff auf die Hauptstadt Riad, der abgefangen werden konnte, wertet die saudische Regierung als "kriegerischen Akt", der vom Iran ausgehe. Die Reaktion aus Teheran war ebenso hart: Saudi-Arabien mache Iran für die Konsequenzen der eigenen "Aggressionskriege" verantwortlich, twitterte der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif. 

Die Eskalation kommt keineswegs aus dem Nichts. Seit der Thronbesteigung König Salmans im Januar 2015 fährt Saudi-Arabien einen kompromisslosen außenpolitischen Konfrontationskurs. Salman hat seinen 32-jährigen Sohn Mohammed bin Salman – den alle kurz MbS nennen – nicht nur zu seinem designierten Nachfolger erklärt. MbS ist gleichzeitig auch Verteidigungsminister und damit mitverantwortlich für die neue regionalpolitische Strategie. Galt Saudi-Arabien in der Vergangenheit als Akteur des Ausgleichs, der in Konflikten vermitteln wollte, präsentiert es sich nun als interventionistische Regionalmacht. Dahinter steckt eine populistische Strategie des jungen Kronprinzen, der im Inneren seine Macht sichern will, indem er ein äußeres Feindbild pflegt: Iran.

Saudi-Arabien sieht sich vom Iran in seiner Existenz bedroht und fürchtet, dass die Islamische Republik ihren Einfluss in der arabischen Welt weiter ausbauen will. Der Impuls ist nicht neu, er prägt das Königreich seit der Iranischen Revolution 1979, doch unter Salman gewinnt er eine neue Qualität. Man ist überzeugt, gegen den iranischen Einfluss vorgehen zu müssen, um die saudische Vormachtstellung in der arabischen Welt zu behaupten und das eigene Überleben zu sichern. Der Iran wird als Wurzel allen Übels stilisiert, die die ganze Region ins Chaos stürze und daher aufgehalten werden müsse – das ist die einhellige Haltung in Saudi-Arabien. Man fühlt sich von iranischen Vasallen umzingelt, und der anti-iranische Kurs nimmt immer mehr Züge einer paranoiden Obsession an: einer "Iranoia". So gehört die Dämonisierung des Irans unter MbS zur politischen Kultur des Landes und bestimmt die saudische Außenpolitik. Dies zeigt sich an mehreren Beispielen: 

Jemen

Im Jemen führt Saudi-Arabien seit März 2015 eine Militärallianz an, die den Vormarsch der Huthi-Rebellen stoppen will. Saudi-Arabien betrachtet die Huthis als Verbündete des Irans, die auf dem "Hinterhof" des Königreichs frei schalten und walten können – das könne man nicht hinnehmen.

Ihre Kriegsziele konnte die saudische Führung bislang allerdings nicht erreichen. Im Gegenteil: Viele Beobachter sprechen bereits von einem "saudischen Vietnam". Die Vereinten Nationen werfen Riad vor, Zivilisten zu töten und Clusterbomben einzusetzen. Durch die Militärintervention hat sich die Notlage im Jemen dramatisch verschärft: 2,9 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, fast jeder Dritte der 27 Millionen Einwohner ist von Hunger bedroht. Im Frühjahr 2017 brach auch noch eine Cholera-Epidemie aus. MbS ist mitverantwortlich für diese Misere und hat bisher keine politische Lösung gefunden.

Katar

Auch der Konflikt mit Katar wird indirekt von der saudischen "Iranoia" bestimmt: Im Juni 2017 begannen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten eine Blockade Katars und zogen ihre Botschafter ab. Einer der Vorwürfe: Katar arbeite zu eng mit dem Iran zusammen. Richtig ist, dass Katar und der Iran ein gemeinsames Gasfeld nutzen und daher wirtschaftlich kooperieren. Eine strategische politische Partnerschaft zwischen Doha und Teheran existiert aber nicht. Doch indem MbS eine solche Allianz konstruiert, kann er seine eigentlichen Absichten verfolgen.

Katar habe sich zum Beispiel mit der Unterstützung der ägyptischen Muslimbrüder aus saudischer Sicht zu weit vorgewagt. Es sei also auch ein Konflikt der "Egos", betont ein hochrangiger saudischer Offizieller im Gespräch: Der junge MbS wolle seinem ebenfalls jungen Kontrahenten, dem 38-jährigen katarischen Emir Tamim, klarmachen, sich besser nicht mit der überlegenen Macht in der Region anzulegen.

Die Nähe zum Iran wird also instrumentalisiert, um einen unliebsamen Kontrahenten in die Knie zu zwingen. Doch auch dieses Vorhaben ist bislang gescheitert: Bestes Beispiel war der 222-Millionen-Euro-Transfer des brasilianischen Fußballers Neymar vom FC Barcelona zum französischen Topclub Paris St. Germain, der seit 2011 im Besitz der Qatar Investment Authority ist. Dieser Megadeal, der mit katarischem Geld zustande kam, war auch ein Zeichen des Emirs an die Welt und vor allem an Saudi-Arabien, dass man unter saudischem Druck nicht einknicken werde.

Libanon

Der neueste Konfliktherd der saudischen Regionalpolitik ist der Libanon. Dort trat überraschend der sunnitische Ministerpräsident Saad Hariri zurück. Dass er seinen Rücktritt ausgerechnet in der saudischen Hauptstadt Riad erklärte, lässt vermuten, er könne von Saudi-Arabien dazu gezwungen worden sein. Immerhin galt er als Kandidat von saudischen Gnaden, der enge Geschäftskontakte ins Königreich unterhielt.

Doch auch hier spielt die Eindämmung des Irans wieder eine Rolle: Die schiitische Hisbollah-Miliz, die als wichtigster arabischer Verbündeter des Irans gilt, war Teil der nationalen Einheitsregierung im Libanon unter Führung Hariris. Dieser hatte sich kurz vor seinem Rücktritt mit dem Sicherheitsberater des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei getroffen, was in Riad wohl als Affront gewertet wurde. Hariri klagte in seiner Erklärung sowohl den Iran als auch die Hisbollah an, sie hätten den Libanon als Geisel genommen, er fürchte um sein Leben – auch hinter diesen überraschenden Äußerungen vermuten viele Libanesen saudischen Druck. Libanesische Regierungskreise gehen inzwischen sogar davon aus, dass Hariri in Saudi-Arabien festgehalten wird.