Mohammed bin Salman galt bereits als einer der mächtigsten Männer der arabischen Halbinsel, doch mit den Massenverhaftungen unter der saudischen Elite am Wochenende baut der Kronprinz seine Macht noch aus. Der 32-jährige designierte Thronfolger will in den nächsten Jahren Saudi-Arabien von Grund auf ändern – weg vom bequemen Öl-Luxus, hin zu einer pluralen, modernen Volkswirtschaft. Doch die Widerstände sind hart.

Die 9.000 Prinzen im Land haben sich in ihrem Sonderkosmos an staatliche Dauerschecks, Luxusautos, private Alkoholbars und Falkenjagd gewöhnt. Auch von den normalen Saudis weiß kaum einer, was wirklich arbeiten heißt. Und so existiert im Königreich die paradoxe Situation, dass 30 Prozent des einheimischen Nachwuchses keinen Job haben, während zehn Millionen Migrantenarbeiter aus Indien, Pakistan, Bangladesch und den Philippinen dafür sorgen, dass die privaten Geschäfte, Hotels und Handwerksbetriebe funktionieren. 80 Prozent aller saudischen Männer sind im öffentlichen Dienst beschäftigt und genießen ihren gut dotierten Müßiggang, der spätestens nach dem Mittagsgebet um 14 Uhr endet.

Auch die meisten jungen Leute, von denen jedes Jahr weitere 250.000 auf den Arbeitsmarkt drängen, wollen vor allem: einen bequemen Staatsjob mit Schreibtisch, Klimaanlage und langem Wochenende. In Handwerk, Industrie oder Restaurants zu arbeiten, empfinden sie unter ihrer Würde, die Löhne als lachhaft gering.

Das Öl finanziert die fundamentale Geistlichkeit

Und so ist die seit 2016 forcierte Saudisierung des Arbeitsmarktes bislang nur Symbolpolitik: Betriebe werden gezwungen, die ihnen verordneten Quoten-Saudis einzustellen. Die meisten von ihnen werden sofort samt Monatslohn nach Hause geschickt, damit sie in der Firma keinen Schaden anrichten können. Wer sich als Saudi dennoch herablässt, zusammen mit Asiaten in einem Schnellimbiss oder Supermarkt zu arbeiten, dem zahlt der Staat das Dreifache obendrauf – sozusagen als ergänzende Sozialhilfe.

Auch die Sonderregeln der fundamentalistischen Geistlichkeit in Saudi-Arabien werden durch das Öl finanziert. Fünfmal am Tag, während der Gebete, wird das gesamte Land für jeweils eine halbe Stunde lahmgelegt. Konzerte, Theater und Kinos sind verboten. In jedem Restaurant existiert alles doppelt, ein Areal einzig für Männer und ein zweites für Familien, wo auch Frauen essen dürfen. Hunderttausende ausländische Fahrer mussten ins Land geholt und entlohnt werden, weil die islamischen Sittenwächter den Frauen das Autofahren untersagten – ein Verbot, was jetzt endlich im Juni 2018 fallen soll.

Zehntausende Talente und Universitätsexamina liegen brach, weil Frauen nach Ansicht der wahhabitischen Prediger ins Haus und nicht ins Büro gehören. Keine moderne Volkswirtschaft kann sich solche sperrigen religiösen Tabus noch leisten; es sei denn, der Reichtum liegt – wie in Saudi-Arabien – einfach in der Erde. Und so haben sich die Verhältnisse über Jahrzehnte ins Unwirkliche verzerrt, sind in Megakonsum, kultureller Armut und religiöser Monotonie erstarrt. Ein Arbeitsethos dagegen fehlt, während die Korruption allgegenwärtig ist – allen voran im Verteidigungsministerium, das ebenfalls unter dem Zepter von Mohammed bin Salman steht.

Das Zeitalter des Öls läuft ab

Mit solchen Zuständen aufzuräumen, bedeutet viel Arbeit. Der Kronprinz und seine Mitstreiter wissen: Das Zeitalter des Öls läuft ab – nicht zuletzt wegen des immer verheerenderen Klimawandels – und mit ihm der fast grenzenlose Reichtum. Der bisherige saudische Gesellschaftsvertrag ist für die kommende Generation nicht mehr aufrechtzuerhalten. Und so will der Thronfolger jetzt mit einer beispiellosen Machtkonzentration die Wende erzwingen.

Wer sich ihm in den Weg stellt, muss mit Verhaftung rechnen. Das gilt selbst für die engste Königsfamilie, die bisher im Konsens und mit einem sorgfältig austarierten Interessensgeflecht agierte. Auch hier bescherte der direkte Stil des Kronprinzen ihm einige Feindschaften.

Insofern kann sich die derzeitige Machtfülle des jungen Herrschers bald zur Schwäche wandeln. Denn ohne den Rückhalt der Bevölkerung geht in Saudi-Arabien nichts – der lässt sich aber nicht einfach per Königsdekret erzwingen. Er erfordert eine gesellschaftliche Kultur, die politische Vielfalt erlaubt, unterschiedliche Meinungen akzeptiert und konträre Standpunkte toleriert. Denn Kronprinz Mohammed kann seine Heimat nicht im Alleingang umkrempeln. Er braucht die Unterstützung seiner 20 Millionen Landsleute, sonst wird er scheitern mit dem beispiellosen Modernisierungskurs. Und dann könnte sein Verhalten am Ende sogar die Stabilität Saudi-Arabiens gefährden.