Als am Neujahrstag Schneeregen fiel und die Flüchtlinge in Flipflops zum Dorfplatz kamen, zögerte Françoise Gogois keine Sekunde: Sie nahm drei von ihnen bei sich im Haus auf, gelegen im Roya-Tal nahe der französisch-italienischen Grenze. Wenige Tage später brachte sie mit Bekannten sechs Geflüchtete über einen Bergwanderweg in die Nachbarstadt – zwei Minderjährige, eine Frau und drei Männer aus Eritrea. Sie wollten weiterziehen, zu Bekannten in Paris und Deutschland.  

Kurz hinter dem Gipfel wurden sie von französischen Gendarmen festgenommen, die ihnen Beihilfe zum illegalen Aufenthalt vorwarfen. Nun stehen die in Frankreich als "Flüchtlings-Omas und -Opas" bekannten Rentner in Aix-en-Provence vor dem Berufungsgericht. Erneut, denn die Staatsanwaltschaft in Nizza hatte ihren Freispruch vom Sommer angefochten. 

"Ich habe nie in meinem Leben etwas Illegales gemacht", sagt Françoise Gogois. Die 65-jährige Mutter von vier Kindern beherbergt auch seit der Festnahme immer wieder Flüchtlinge. "Es ist reine Nächstenliebe."

Ausgerechnet in Gogois-Tal, wo so viele Migranten über die Mittelmeerroute und Italien ankommen wie in kaum einer Region Europas, haben die Menschen keine Angst vor Einwanderern. Ausgerechnet hier, in der konservativsten Region Frankreichs, öffnen die Menschen ihnen die Türen, behandeln Ärztinnen und Pfleger Geflüchtete unentgeltlich und verteilen Suppen an Familien. Und kommen deswegen immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, dass in den südfranzösischen Gerichten besonders nachteilig für die Helferinnen und Helfer ausgelegt wird. 

Plötzlich selbst außerhalb des eigenen Landes

Denn hier ist ein Brennpunkt entstanden, wie er vor seiner Auflösung nur mit dem Camp von Calais verglichen werden konnte. Tausende Flüchtlinge erreichen jedes Jahr die französisch-italienische Grenze, viele von ihnen laufen die 20 Kilometer von der Grenze, um vom italienischen Ventimiglia in die Dörfer des Tales zu kommen. "Bei uns können sie sich nach all den Strapazen erst mal erholen", sagt Gérard Bonnet, ein Mitangeklagter von Gogois. Der Lehrer in Rente nimmt seit zwei Jahren Flüchtlinge bei sich auf, manchmal für ein paar Tage, manchmal auch Wochen. "Sie kommen ohne Sachen hier an, in Sandalen, haben tagelang nichts gegessen und sind einfach nur erschöpft. Wir kochen und geben eine Matratze, das ist ganz einfach", sagt er. Bonnet glaubt, viele Menschen hätten Angst vor Flüchtlingen, weil sie nie mit einem gesprochen hätten. "Wer sie hier ankommen sieht, die hageren Gestalten und die besorgten Mütter, der fasst sich ein Herz." 

Die Bewohner des Tals mit den schroffen Felshängen haben schon immer mit Flüchtlingen gelebt. Im Laufe der vergangenen Jahrhunderte fanden sie sich oft selbst plötzlich außerhalb ihres eigenen Landes wieder. Denn die Städte vom Mittelmeer an flussaufwärts wechselten mehrfach ihre staatliche Zugehörigkeit. Grenzen und Pässe, Staaten und nationale Identität wurden für die Menschen hier unwichtig.

Doch was sie tun, wird von der Staatsanwaltschaft immer wieder als Beihilfe zum illegalen Aufenthalt betrachtet: Schon vor den Flüchtlingsrentnern mussten sich zehn Menschen vor Gericht verantworten. Die meisten Prozesse endeten zunächst mit einem Freispruch in Nizza. Im Berufungsverfahren verurteilten Richter des Oberlandesgerichts in Aix-en-Provence die Angeklagten meist zu einigen Monaten auf Bewährung. 

Helfer als Menschenschmuggler?

In ganz Europa müssen sich derzeit Flüchtlingshelfer vor Gericht rechtfertigen. Laut einer am Wochenende veröffentlichten Studie des Londoner Instituts IRR wenden sich immer mehr EU-Länder gegen karitative Organisationen und Personen: Sie wenden Gesetze gegen Menschenschmuggler plötzlich auf Menschen an, die unentgeltlich und aus wohltätigen Gründen Flüchtlinge beherbergen oder befördern. EU-weit erhielten in den vergangenen zwei Jahren mehr als 45 Menschen dafür Strafen. "Der Raum,  bedürftigen Flüchtlingen helfen zu können, schrumpft immer weiter", heißt es in der IRR-Studie. Auch Amnesty International schreibt, es sei inakzeptabel, Bürger einzuschüchtern, die Flüchtlinge aufnehmen. Der französische Staat habe es versäumt, angemessen für den Schutz und die Rechte der Migranten zu sorgen. 

Tatsächlich lässt Frankreich die Flüchtlinge an der Grenze allein. Im Roya-Tal gibt es keine einzige Flüchtlingsunterkunft. Vielleicht auch, weil die südfranzösische Region eigentlich das Pflaster von konservativen Republikanern und dem rechtsextremen Front National ist. Der einflussreiche republikanische Vorsitzende des Regionalrats, Eric Ciotti, bezeichnet die Helfer immer mal wieder als Menschenschmuggler und warnt vor Terroristen unter den Flüchtlingen. Und der rechtsextreme Front National, der in einigen Städten der Region bei der diesjährigen Präsidentschaftswahl bis zu 50 Prozent erhielt, hat vor wenigen Wochen einen Verein im Tal gegründet, um gastfreundliche Dorfbewohner anzuschwärzen. "Da sind aber nur vier oder fünf Leute drin, die haben absolut keinen Einfluss", sagt Bonnet. 

Trotzdem werden die Kontrollen in dem Tal immer schärfer. Der Staat überwacht das Roya-Tal mit Nachtsichtgeräten und Drohnen. In den vergangenen Monaten, sagen Bonnet und Gogois, seien weniger Flüchtlinge bei ihnen angekommen. Die Menschen wichen den patrouillierenden Soldaten aus und nähmen immer höhere Berge und weitere Wege in Kauf, um nach Frankreich zu kommen. Wenn bald Schnee fällt, sei das lebensbedrohlich. "Wir hoffen, am Mittwoch als freie Menschen nach Hause gehen zu können", sagt Gogois. Und kündigt an: Wenn bald wieder ein Flüchtling eine Bleibe braucht oder transportiert werden muss, würde sie wieder helfen.