ZEIT ONLINE: Herr Haid, in der Darstellung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad heißt es oft: Viele Zivilisten in Syrien unterstützten Terroristen, deswegen müsse man mit aller Härte, also Bombardements, auch gegen sie vorgehen. Stimmt das?

Haid Haid: Assad nennt jeden Kritiker seines Regimes einen Unterstützer von Terrorismus. Schon zu Beginn der Revolution hat er jeden Oppositionellen als Terroristen bezeichnet, den es zu bekämpfen gelte. Dabei demonstrierten die Menschen völlig friedlich. Sie forderten lediglich, dass diejenigen, die so viele Demonstranten gefangen nahmen und umbrachten, für ihre Taten belangt würden. Auch forderten sie eine politische Teilhabe. Trotz der legitimen Forderungen bezeichnete das Regime sie von Anfang an als Kriminelle.

ZEIT ONLINE: In fast allen wichtigen Gebieten hat das Assad-Regime wieder die Kontrolle übernommen. Wie viel Macht haben die bewaffneten Milizen noch?

Haid: Es wäre falsch zu sagen, dass das Assad-Regime in vielen Landesteilen die Macht wiedererlangt hat. Nur weil es einige Regionen wieder offiziell unter Kontrolle hat, heißt das nicht, dass es dort auch für Sicherheit sorgen kann. Assad verfügt nicht über die Ressourcen und den Willen, um die Gebiete wirklich stabilisieren zu können und etwa den Bewohnern zu erlauben, sich selbst zu verwalten. Die Kämpfe werden vielleicht aufhören, der Konflikt aber wird in anderen Formen weitergehen.

ZEIT ONLINE: Der IS kontrolliert nach der Vertreibung aus Rakka nur noch ein kleines Gebiet an der Grenze zum Irak. Wie groß ist der Einfluss islamistischer Gruppen in Syrien?

Haid: Das ist schwer zu bestimmen. Der IS ist zwar territorial weitgehend bekämpft, existiert aber als militante Widerstandsbewegung weiter. Er wird künftig andere Strategien der unkonventionellen Kriegsführung nutzen. Er wird nicht mehr ganze Gebiete besetzen, sondern eher mit Guerillataktiken wie Selbstmordattentaten oder Autobomben versuchen, die Regionen zu destabilisieren.

ZEIT ONLINE: Vor allem die radikale Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die aus dem syrischen Al-Kaida-Ableger der Nusra-Front hervorgegangen ist, hat sich in Nordsyrien ausbreiten können. In Idlib leben zwei Millionen Einwohner, darunter 700.000 vom Regime aus anderen Teilen Syriens vertriebene Menschen. Die Zahl der islamistischen Kämpfer wird auf mehrere Zehntausend geschätzt. Wie sieht das Leben unter ihrer Kontrolle aus?

Haid:In Nordsyrien sind die Provinz Idlib und einige Teile der Provinz Aleppo unter Kontrolle von Rebellengruppen. Einige werden von Hajat Tahrir al-Scham kontrolliert, andere von diversen lokalen Milizen. Wie stark HTS etwa in Idlib ist, ist schwer zu sagen. Die Gruppe ist die größte bewaffnete Oppositionsgruppe in der Region. Sie ist militärisch stark, wird aber von der lokalen Bevölkerung kaum noch unterstützt.

Gebiete des IS in Syrien und Irak

September 2015: Maximale Ausbreitung des IS
 Gebiete unter Kontrolle
 Gebiete mit Unterstützung

November 2017:
 Rückzugsgebiet des IS*

ZEIT ONLINE: Weshalb nicht?

Haid: Weil die Kämpfer mittlerweile eine radikale Version vom Islam und der Scharia durchsetzen wollen. Sie attackieren Läden, die Zigaretten verkaufen, oder schließen Cafés, die Musik spielen. Sie verbieten Vorführungen von Filmen, in denen Frauen mitspielen. Das gab es vor einigen Jahren noch nicht.

ZEIT ONLINE: Was sind die Gründe für diese Veränderung?

Haid: Anfangs waren sie damit beschäftigt, sich als militärische Kraft in der Region zu etablieren. Da nannten sie sich noch Al-Nusra und ihr primäres Ziel war der Kampf gegen Assad. Sie diktierten den Bewohnern nicht, wie sie leben sollten. Sie haben Güter verteilt und dafür gesorgt, dass der Alltag der Menschen funktioniert. Deswegen wurden sie anfangs auch von vielen Syrern unterstützt. Dann begannen sie, andere Rebellengruppen zu bekämpfen, Gebiete territorial zu kontrollieren und eine strengere Auslegung des Islams einzuführen. Das mögen viele Menschen nicht.

ZEIT ONLINE: Wie wehren sich die Zivilisten dagegen?

Haid: Einige Bewohner organisieren regelmäßig Demonstrationen, andere zerstören die Fahnen und Banner, die die Gruppe in den Dörfern aufgehängt hat oder sie übermalen die Logos mit kritischen Slogans. Sie versuchen, die Macht der Islamisten auf symbolischer Ebene anzugreifen, denn sie können sie nicht militärisch besiegen.

ZEIT ONLINE: Im Oktober sind türkische Truppen in Absprache mit Russland in Idlib einmarschiert. Sie sollen Kämpfer von Hajat Tahrir al-Scham zurückdrängen und moderatere Kräfte wie die Gruppe Ahrar al-Scham für einen Waffenstillstand gewinnen. Der Krieg wäre dann auch in diesem Landesteil zugunsten von Putin und Assad entschieden.

"Die Zivilisten sind zwischen den Fronten gefangen"

Haid: Es wäre fatal, Regionen wie Idlib und das Umland von Aleppo als Gebiete zu betrachten, die unter alleiniger Kontrolle von Islamisten stehen. Das stimmt nicht. Hajat Tahrir al-Scham kontrolliert zwar einige Gebiete, verliert aber zunehmend an Unterstützung. Deswegen spielen die zivilgesellschaftlichen Akteure, die sich friedlich gegen die Extremisten wehren, so eine zentrale Rolle.

Wenn die zivile Selbstverwaltung funktioniert, sind die Bewohner zumeist immun gegen den Einfluss radikaler Kräfte. Wenn sich Extremisten dort, wo das Assad-Regime nicht die Kontrolle hat, nicht mit Dienstleistungen Sympathien erkaufen können, fällt es ihnen schwerer, ihre radikale Ideologie zu verbreiten.

ZEIT ONLINE: Oft wird der Eindruck vermittelt, in Syrien gebe es nur noch zwei Seiten: Auf der einen das Assad-Regime, das die eigene Bevölkerung bombardieren und aushungern lässt. Auf der anderen Seite die Islamisten, die mit aller Macht ihre Ideologie durchsetzen wollen. Über die vielen Zivilisten, die dazwischen stehen, spricht kaum noch jemand.

Haid: Die Zivilisten sind zwischen den Fronten gefangen und völlig auf sich allein gestellt, weil sie niemand unterstützt. In meiner Heimatstadt Atareb gibt es zivile Gruppen, die Lebensmittel verteilen, die zerstörte Infrastruktur wieder aufbauen – und versuchen, den Einfluss islamistischer Gruppen einzudämmen. Zugleich werden sie vom Assad-Regime und den Russen bombardiert. Erst vor einer Woche wurde bei Luftangriffen ein Markt zerstört, mehr als 65 Menschen wurden getötet. Die Zivilisten stellen sich also aus eigener Kraft islamistischen Gruppen entgegen, und das Regime attackiert diese Menschen aus der Luft.