Anfang November versprach der Republikaner Chris Collins aus New York den Amerikanern einen Onlinerechner, der es ihnen erlauben werde, die Folgen, die eine Steuerreform für sie persönlich haben würde, noch vor einer Abstimmung im Kongress nachzuvollziehen. Fast vier Wochen später ist von der Webseite allerdings nichts zu sehen. Dabei hat nach dem Repräsentantenhaus auch das zuständige Komitee im Senat gestern den Weg frei gemacht für eine Abstimmung – und damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass – wie von der Parteispitze angekündigt – noch vor Jahresende ein endgültiger Kompromiss gefunden wird.

Die Eile, mit der die Konservativen ihr 1,5 Billionen teures Gesetz durch die Kammern peitschen, sorgt bei politischen Beobachtern für offene Skepsis. Schließlich gilt kein Unterfangen in Washington als politisch schwieriger umzusetzen als eine Steuerreform. Das Gesetz umfasst Hunderte Seiten, Lobbyisten aus Dutzenden verschiedenen Branchen versuchen im Laufe des Prozesses, auf die Feinheiten zu ihren Gunsten Einfluss zu nehmen. Zieht man an einer Schraube nach, um es einer Gruppe recht zu machen, lockert sich das Gebilde an anderer Stelle – und sorgt so fast immer für Unmut bei wichtigen Wählergruppen.

Nicht umsonst liegt die letzte große Steuerreform inzwischen rund 30 Jahre zurück. Seit Ronald Reagan hat sich kein Präsident erfolgreich an eine Neuordnung des Gesetzes herangetraut. Damals hatte es etliche Anhörungen gegeben, in denen die Bedenken verschiedener Interessengruppen, Steuerexperten und Ökonomen berücksichtigt wurden. Vom ersten Entwurf in den Kammern bis zur Unterschrift des Präsidenten hatte es mehr als zwei Jahre gedauert. Seitdem beschränkten sich Änderungen auf kleine Nachbesserungen oder vorübergehende Steuergeschenke.

Was die Republikaner jetzt täten, heißt es vom unabhängigen Tax Policy Center, sei dagegen das "Vogel-Strauß-Prinzip der Steuerreform". Die Partei versuche ihr Gesetz zu verabschieden, bevor die amerikanische Öffentlichkeit die Gelegenheit habe, die wirtschaftlichen Konsequenzen der geplanten Reform wirklich zu verdauen. Die offiziellen Stellen, die Kosten und Nutzen von Gesetzesentwürfen vor einer Abstimmung durchrechnen sollen, haben in ihrer Not gleich mehrere Varianten vorgelegt, in denen wiederum verschiedene Szenarien dargestellt werden – um sich so auf möglichst viele Ausgänge einzustellen.

Die Reichsten im Land profitieren

Offiziell verkaufen die Konservativen ihre Reform vor allem als große Entlastung der Mittelschicht. Bisherige Berechnungen lassen allerdings eher das Gegenteil vermuten. Das zuständige Congressional Budget Office (CBO) rechnete in der vergangenen Woche vor, dass mittelfristig vor allem Haushalte mit Einkommen unter 40.000 Dollar schlechtergestellt wären, während die Reichsten im Land und Unternehmen profitieren würden. Bis 2027, prophezeite die Behörde, würden schließlich auch Haushalte mit einem Einkommen unter 75.000 Dollar stärker belastet, weil bis dahin eine Reihe von Steuervergünstigungen ausläuft.

Je mehr Zeit während der laufenden Debatten vergehe, schreibt das Tax Policy Center angesichts dieser Zahlen, desto wütender würden die Wähler, und desto mehr Druck würden sie auf ihre Abgeordneten ausüben, sich gegen das Gesetz auszusprechen. Schon jetzt droht die öffentliche Stimmung zu kippen. In einer Umfrage von Politico und Morning Consult sprachen sich zuletzt mit 45 Prozent drei Prozent weniger Befragte für die Reform aus als noch vor einer Woche. Eine Harvard-Umfrage sieht inzwischen sogar eine leichte Mehrheit von Gegnern der Reform.