Sex während der Diktatur heißt der Roman, an dem Günel Imanova gerade schreibt. Die aserbaidschanische Exil-Journalistin erzählt nicht nur von ihrer Heimat, sie will auch die "Anatomie der Diktatur" darstellen. Wie die Bürger erpresst werden, wie auch ihr Privatleben durch die Regierung kontrolliert wird – das sei der Kern ihres Romans.

"Im Exil bin ich in Sicherheit. Ich kann schreiben, was ich will", sagt die 36-jährige Mutter von zwei Kindern, die mit ihrer Familie seit etwa fünf Jahren in Norwegen lebt. Den Ort will sie nicht bekannt machen.

Als Bloggerin ist sie unter dem Namen Günel Mövlud bekannt. Sie kritisiert die religiösen Kräfte, die traditionelle Gesellschaft, Gewalt gegen Homosexuelle in Aserbaidschan. Sie schreibt, dass nationale Minderheiten unterdrückt würden. Frauen litten unter einem für Männer gemachten Recht. "Es war mir bewusst, dass ich mich in einen schlechten Ruf bringe", sagt Imanova. Ihr Motto aber laute: "Sich diskreditieren für etwas Gutes". 

Die Familie als Geisel

Imanova hat sich Aserbaidschans Regierung, verschiedene Moscheegemeinden und eine konservative Gesellschaft zu Feinden gemacht. Nun werde sie bedroht, sagt sie, von verschiedenen Seiten. "Wir werden dich finden, ficken und ermorden" – so etwas hört sie häufig.
Als "armenische Hure" wurde Imanova beschimpft, weil sie sich für die Versöhnung und den Dialog mit dem Nachbarland Armenien engagiert, mit dem Aserbaidschan sich wegen der Enklave Berg-Karabach in einer Kriegssituation befindet.

Auch ihre Familie leidet. Die beiden Brüder waren festgenommen worden. Ihre Mutter bekam Diabetes. Ihr Vater nahm aus Protest keine Medikamente gegen seinen Blasenkrebs, bis er starb, erzählt Imanova.

Sie schreibt für Radio Azadliq (Radio Free Europe/Radio Liberty Aserbaidschan) und für den Berliner Exilsender Meydan TV. Beide Medien werden längst in Aserbaidschan blockiert. Angesichts solcher Einschränkungen ist Facebook eine der wichtigsten Plattformen für den politischen Austausch. Auch für die Bloggerin Imanova ist es ein unersetzliches Werkzeug als alternativer Kommunikationsweg. Sie versucht, die Menschen in Aserbaidschan über die sozialen Netzwerke zu erreichen. Mehr als 18.500 Nutzer folgen ihrem Blog auf Facebook.

Doch nicht nur Journalisten, sondern auch Nutzer sozialer Medien werden in Aserbaidschan bedroht. Ihre digitale Sicherheit und ihre Privatsphäre sind gefährdet. Auch die Familienmitglieder und Verwandten der im Exil lebenden Journalisten werden unter Druck gesetzt und verfolgt. Im jüngsten Jahresbericht der internationalen Menschenrechtsorganisation Freedom House über den Zustand der Internetfreiheit in der Welt heißt es beispielsweise, dass in Aserbaidschan Benutzerkonten in sozialen Medien durch Hackerangriffe illegal überwacht würden. Dahinter stehe die Regierung des Landes.

Mit freundlicher Empfehlung des Präsidenten

Während Imanova von außen auf das Land blickt, feiern Journalisten in Baku eine Einweihungsparty. "Der Traum, der seit vielen Jahren in unserem Herzen gelebt hat, ist Wirklichkeit geworden", sagt Ilcham Gulijew. Der Chefredakteur der Zeitung Kaspi hat eine neue Wohnung im Zentrum der Hauptstadt bekommen. Es ist ein Geschenk von Staatspräsident Ilcham Alijew

Aserbaidschans Regierung hat 17-stöckige Gebäude bauen lassen, alle mit drei Eingängen und 255 Apartments. Dort leben fast ausschließlich Journalisten unter einem Dach. Die ganze Gegend nennt sich Stadtviertel für Journalisten, hier haben Medienvertreter kostenlos Wohnungen bekommen – mit freundlicher Empfehlung des Präsidenten: "Ich habe mir immer Mühe gegeben, um Journalisten zu unterstützen", sagte Alijew in seiner Rede bei der Eröffnung des zweiten Hauses im Sommer.

2013 hatten bereits 156 Journalisten Wohnungen in einem ersten Gebäude erhalten. Auch dies als Belohnung für ihre Leistungen. Mit dem üblichen Gehalt eines Journalisten ist der Kauf einer Wohnung unvorstellbar. "Dafür sind wir Präsident Alijew ewig dankbar", sagt der Kaspi-Chefredakteur. Nicht nur am Arbeitsplatz könne er sich mit seinen Kollegen freuen: Acht seiner Mitarbeiter sind auch seine neuen Nachbarn geworden.