Sanaas Einwohner erlebten zuletzt Tage und Nächte des Horrors. Stundenlang bombardierten saudische Kampfflugzeuge die jemenitische Hauptstadt. Mehrere Raketen trafen auch den Präsidentenpalast, der nahe am Weltkulturerbe-Zentrum liegt. In den Straßen lieferten sich Bewaffnete heftige Gefechte, die nach einer ersten Bilanz des Internationalen Roten Kreuzes mindestens 234 Menschen das Leben kosteten.

Mittlerweile sind die Kämpfe etwas abgeflaut, überall in der Stadt errichteten die Huthis Kontrollpunkte und postierten Panzer. Die Führung trommelte ihre Anhänger zu einer Großkundgebung zusammen, um "die Niederschlagung der Verschwörung" zu feiern, wie es in ihrem TV-Sender Al-Masirah hieß. Die Vereinten Nationen versuchten derweil, ihre 140 Mitarbeiter aus Sanaa zu evakuieren.

Seit dem gewaltsamen Tod von Ex-Präsident Ali Abdullah Salih, der 48 Stunden zuvor seine Allianz mit den Huthis aufgekündigt hatte, wächst die Gefahr, dass die beiden regionalen Verbündeten der jemenitischen Bürgerkriegsparteien, Iran und Saudi-Arabien, direkt aneinandergeraten könnten. "Nach ihrem Versuch, den Huthis den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, müssen die Saudis nun entscheiden, ob sie verhandeln wollen in einem Klima von null Vertrauen, oder ob sie mit ihrer bisher weitgehend erfolglosen Militärkampagne weitermachen wollen", schrieb Peter Salisbury, Jemen-Experte der Denkfabrik Chatham House. Salih sei eine umstrittene Figur gewesen. "Aber er war auch die Person, die am ehesten fähig gewesen wäre, irgendeine Art von Einigung auszuhandeln." Sein Tod werde zu einer noch tieferen Polarisierung führen.

Marschbefehl auf Sanaa

Und so schaltete sich auf Seiten der Huthi-Rebellen erstmals Irans Präsident Hassan Ruhani in den Konflikt ein und drohte, das jemenitische Volk werde dafür sorgen, dass die Angreifer ihr aggressives Vorgehen bereuten. Einen scharfen Ton schlug auch der Chef der Revolutionären Garden, Mohammad Ali Jafari, an. Die "Saudi-Verräter" würden versuchen, auf Befehl der USA und mit Israel als Komplizen Unsicherheit in der Region zu erzeugen. "Wir erlebten einen Putschversuch gegen die Huthis, der sofort niedergeschlagen wurde", sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur Fars. 

Saudi-Arabiens Regierung dagegen äußerte die Hoffnung, das jemenitische Volk werde sich nun gegen die "terroristischen Huthi-Milizen" erheben, die vom Iran unterstützt würden, und ihre Heimat befreien. Salihs Ermordung und die Art, wie dies geschehen sei, offenbare die kriminelle Natur und Menschenverachtung der Huthis, sekundierte der Generalsekretär der Arabischen Liga, Ahmed Abul Gheit. Deren Kämpfer hatten am Montagnachmittag den Konvoi des Ex-Präsidenten 40 Kilometer außerhalb von Sanaa mit einer Panzerfaust gestoppt und den 75-Jährigen erschossen. Wenige Stunden später gab der im saudischen Exil lebende jemenitische Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi seinen Regierungstruppen den Marschbefehl auf Sanaa. Seine Landsleute rief er in einer Fernsehansprache auf, sich gegen die "Verbrecherbande der Huthis" zu erheben und "das geliebte Jemen von dem Albtraum zu befreien". 

Feldzüge gegen die schiitische Minderheit

Doch sollten die sieben in der Nachbarprovinz Marib stationierten Bataillone, die unter dem Befehl von Vizepräsident General Ali Mohsen stehen, Sanaa angreifen, droht der Bevölkerung zwischen den Fronten ein brutaler Kampf. Mohsen befehligte bereits in den Jahren 2004 bis 2010 an der Seite des damaligen Präsidenten Salih die sechs Feldzüge gegen die schiitische Minderheit, die Abertausende Todesopfer forderten. 

Über das Ausmaß der iranischen Unterstützung für die Huthis gibt es viele Spekulationen, aber wenig konkrete Fakten. Nach einer Analyse von UN-Experten stammte die Rakete, die von der schiitischen Miliz auf den internationalen Flughafen von Riad abgefeuert wurde, aus iranischer Produktion. Einschränkend jedoch hieß es in dem Bericht, man habe keine Beweise zur Identität der Händler oder Lieferanten.

Bei dem am vergangenen Wochenende von den Huthis deklamierten Angriff auf den Al-Barakah-Atomreaktor in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist auf dem Propagandavideo der Abschuss einer Cruise Missile zu sehen, die nach Angaben von Experten eindeutig das Aussehen einer iranischen Soumar-Rakete hat, einem Nachbau des russischen Kh-55-Marschflugkörpers. Doch auch hier lässt sich nicht feststellen, ob die Waffe eine in jüngster Zeit ins Land geschmuggelte Soumar-Rakete war oder ein baugleiches russisches Modell, was die jemenitische Armee Jahre zuvor auf dem Schwarzmarkt erworben haben könnte. Sicher ist nur, dass das Geschoss nicht ins Ziel kam. Es zerbrach bereits über jemenitischem Territorium, seine Trümmer schlugen in der Nordprovinz Al-Jawf ein.