Es war ein netter Versuch von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen: für Kanzlerin Angela Merkel noch einmal als Stabilitätsfaktor in der Europäischen Union zu werben. Gerade aus Frankreich kommend, sagte die Ministerin in der Talk-Sendung Anne Will: "Macron braucht die Erfahrung, die Merkel mitbringt."

Tatsächlich spricht man auch in Paris längst von der Kanzlerinnendämmerung. Der französische Präsident Emmanuel Macron braucht jetzt vor allem eine SPD, die seine Ideen von einer tieferen Integration der EU am besten mitsamt Eurozonenfinanzminister und Budget in einer großen Koalition unterstützt. Von Erfolgen auf europäischer Ebene hängt nämlich auch ab, ob der Staatschef sich zu Hause halten kann. Das Zeitfenster dafür ist nicht sehr groß: Die französischen Konservativen wollen bereits ab diesem Sonntag mit einem Bündnis der Nationalstaaten gegenhalten. Sie dürften damit eher das Interesse der auf ihre Souveränität bedachten Franzosen widerspiegeln.

Als sich am Abend der Bundestagswahl ein Jamaika-Bündnis abzeichnete, sah Emmanuel Macron schon sämtliche Hoffnungen schwinden: "Wenn Angela Merkel sich mit den Liberalen verbündet, bin ich tot," vertraute er seinen engen Mitarbeitern an. "Mit der SPD ist es einfacher", heißt es jetzt in denselben Zirkeln. Auch wenn man sich der Gefahr bewusst ist, dass eine Neuauflage der großen Koalition der SPD als Partei vermutlich nicht guttun wird.

Die SPD ist auf Macron-Kurs

Doch dieses Opfer sollen die deutschen Sozialdemokraten Macron bringen. Deshalb wundert es nicht, dass der französische Präsident nun den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz drängt, die ungeliebte politische Ehe einzugehen. Er habe bereits mehrere Anrufe aus dem Élysée-Palast erhalten, sagte Schulz der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und der Spiegel weiß, dass "eine positive Antwort auf die EU-Reformvorschläge des französischen Präsidenten (…) ein Kernelement bei jeder Verhandlung" sein werden.

Schulz fordert demnach eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik und einen EU-Finanzminister. Auch auf SPD-Außenminister Sigmar Gabriel blieben die Appelle Macrons nicht ohne Wirkung: Die künftige deutsche Regierung habe "die große Aufgabe, mit Frankreich gemeinsam diesen Reformprozess sehr zügig aufs Gleis zu setzen, weil wir nicht zu viel Zeit verlieren dürfen", sagte Gabriel am Montag nach einem Treffen mit dem französischen Staatschef in Paris.

Etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit widmet Macron derzeit europäischen Themen. Ihn treibt um, dass Europa zwar im politischen Diskurs der Mitgliedsländer sehr präsent ist, aber oft für populistische Zwecke benutzt werde. Das Thema Europa hat ein enormes Spaltpotenzial, das weiß er nur zu gut aus seinem eigenen Wahlkampf um das Präsidentenamt in diesem Frühjahr. Da war er der einzige Kandidat, der die EU als Gewinn für Frankreich propagierte. Dass er letztlich siegte, lag aber weniger an der Begeisterung der Franzosen von der Gemeinschaft. Vielmehr daran, dass sich die Konkurrenz durch Affären und/oder Inkompetenz disqualifizierte. Mit ihren Fantasien von einem Euroausstieg und einem möglichen Frexit kam die Rechtsnationale Marine Le Pen immerhin in die Stichwahl und erhielt fast zehn Millionen Stimmen. Mehr als jeder dritte Wähler hatte für sie votiert.

Das Blatt könnte sich nun schneller zu Macrons Ungunsten wenden, als es die absolute Parlamentsmehrheit seiner Partei La République en Marche vermuten lässt. Denn die konservativen Republikaner küren am Sonntag sehr wahrscheinlich mit Laurent Wauquiez einen neuen Vorsitzenden, der Macron nicht nur in puncto Charisma überstrahlt. Mit seinem politischen Gegenentwurf will er sowohl die Wähler rechts von der Mitte als auch die am extremen Rand einsammeln. Da ist einiges zu holen. Macron, der Frankreich Reformen zumutet, damit das Land in der EU wieder als verlässlicher Partner wahrgenommen und angehört wird, hat im Gegenzug einiges zu verlieren.