Gäbe es eine Medaille für geostrategische Siege im Mittleren Osten, bekäme sie dieses Jahr Teheran. Ob in Syrien, Katar, im Irak, Libanon oder Jemen: Die Entwicklungen der letzten zwölf Monate scheinen ganz nach dem Geschmack der Islamischen Republik verlaufen zu sein. Das lag daran, dass das Land auf regionale Umbrüche clever reagiert hat. Und daran, dass sich Saudi-Arabien derzeit in Katar, im Libanon und Jemen ähnlich verhält wie die USA, die nach ihrer Invasion im Irak einen Trümmerhaufen zurückließen.

Bei genauerem Hinsehen wird aber klar, dass Iran trotz dessen nicht viel Grund zur Freude hat. Das liegt daran, dass es am Ende eben einen Unterschied macht, ob Erfolge durch strategische Planung errungen werden oder auf den Fehlern anderer basieren. Für Iran hat dies zu einer bitteren Konsequenz geführt: Er kann seine Erfolge nicht in politisches Kapital verwandeln. 

Baschar al-Assad – ein verhasster Partner

Nach Syrien blickt Teheran einerseits zufrieden, da der langjährige Verbündete Baschar Al-Assad vor einem Sturz bewahrt und als Teheran-freundlicher Präsident gehalten werden konnte. Einer der wenigen Freunde, die die iranische Regierung in der Welt hat. Assad ist längst Teil eines politischen Prozesses für die Zukunft des Landes geworden. Gemeinsam mit Russland und der Türkei verwaltet Iran den Astana-Prozess und begreift diesen diplomatischen Gesprächskanal als komplementär zu den von den Vereinten Nationen geleiteten Genfer Gesprächen.

Andererseits weiß Teheran aber, dass seine Unterstützung für das erbarmungslose Assad-Regime ihm weltweit massive Kritik und einen großen Imageschaden eingebrockt hat. Vor allem in der arabischen Nachbarregion ist im Laufe des Syrien-Krieges von der einstigen iranischen Soft Power, zum Beispiel als Fahnenhalter des Antiimperialismus, kaum etwas übrig geblieben. Im Astana-Prozess ist das Land auf das Mitwirken von Russland und der Türkei angewiesen. Das schränkt den Einfluss Teherans auf Damaskus ein.

Kein Einfluss im Irak trotz guter Beziehungen

Der Schwund an politischer Machtausübung trifft auch im Irak zu. Dort eilte Teheran zwar sowohl der Zentralregierung in Bagdad als auch der kurdischen Regionalregierung in Erbil zur Hilfe, um die Terrororganisation "Islamischer Staat" zu bekämpfen. Bei irakischen Freudenfesten nach erfolgter Vertreibung der Dschihadisten blieb eine Danksagung gen Teheran von Politik und Bevölkerung jedoch aus. Und schon jetzt ist klar, dass bei den irakischen Parlamentswahlen 2018 kein Politiker mit der Iran-Karte auf Stimmenfang gehen wird. Die Wertschätzung der iranischen Rolle endet, sobald innerirakische Angelegenheiten auf der Agenda stehen. Militärische Unterstützung wird geschätzt, doch für eine politische Mitgestaltung Teherans stehen die Iraker nicht zur Verfügung.

Zudem muss Präsident Hassan Ruhani verbittert zur Kenntnis nehmen, dass die Bagdader Regierung dem Rivalen Saudi-Arabien günstigere Einfuhrzölle anbietet als ihm. Dabei ist das iranisch-irakische jährliche Handelsvolumen mit etwa zwölf Milliarden Dollar vergleichsweise groß. Iran hat sich mehr Wertschätzung erhofft.

Handel mit Katar steigt in Krisenzeiten

Wirtschaftlichen Nutzen zieht Teheran dafür aus der Katar-Krise. Seit der Isolation des Emirats im Juni durch den Golfkooperationsrat (GKR) – unter Federführung Saudi-Arabiens und den Vereinigten Arabischen Emiraten – ist der Handel zwischen Iran und Katar um 117% gestiegen. Der Verkauf von Überfluglizenzen im iranischen Luftraum an Qatar Airways und der Zuwachs an Lebensmittelexporten haben iranische Kassen klingeln lassen.

Doch so schadenfreudig eine Krise innerhalb der ohnehin in Teheran argwöhnisch beäugten GKR auch ankam. Der Zerfall einer der wenigen regionalen Bündnisse in der unmittelbaren Nachbarschaft birgt auch für Iran Sicherheitsrisiken. Denn der Volatilitätszuwachs am Persischen Golf läuft den iranischen Ambitionen zuwider, vom dortigen Tschahbahar-Hafen aus Handel nach Zentralasien zu fördern.

Der Libanon gestaltet sich im Sinne Irans

Ähnlich wie im Fall Katar hat Iran dieses Jahr auch im Libanon von hastiger Politik Saudi-Arabiens profitiert. Riad hatte Premierminister Saad Hariri zu einem Rücktritt gedrängt, da er mit der vom Iran unterstützten Hisbollah eine Regierung bildet. Das Fiasko um Hariri hat jedoch die vom Iran präferierte politische Ordnung Libanons konsolidiert. Die fragile Regierungskoalition in Beirut ist seit der kleinen Staatskrise enger zusammengerückt, was für den Iran ein Punktsieg gegen die Monarchen in Saudi-Arabien war.

Zudem konnte die Regierung in Teheran die saudische Regionalpolitik international problematisieren – auch Berlin übte Kritik an Saudi-Arabien. Dieser Punktgewinn gegen den regionalen Rivalen sowie die Konsolidierung des Status quo im Libanon täuschen jedoch nicht über die Angreifbarkeit des auch weiterhin fragilen Zusammenhalts im Libanon hinweg. Eine neue Krise würde auch den Iran beunruhigen.

Wer Kriege gewinnt, muss auch Frieden bringen

Seitdem Saudi-Arabien eine Militärkoalition zur Bekämpfung der Huthi-Rebellen im Jemen anführt, ist dort eine humanitäre Katastrophe ausgebrochen. Bedeutende militärische Erfolge der Koalition bleiben seit Beginn der Invasion vor über zweieinhalb Jahren weitestgehend aus. Teheran nutzt das, um den Rivalen Saudi-Arabien ins moralische Verderben zu schimpfen. Dieser Fingerzeig auf Riad hilft zudem, von der eigenen Verantwortung im Syrien-Krieg abzulenken.

Wie weitreichend Iran die Huthis bewaffnet und zum Widerstand gegen Saudi-Arabien befähigt hat, ist noch immer umstritten. Teheran spielt die eigene Rolle herunter, Riad überspitzt sie. Die im November aus dem Jemen auf Riad gefeuerte Rakete scheint laut UN iranischer Bauart zu sein. Wer sie auf welchem Wege wann an die Huthis geliefert hat, ist aber unklar. Ein Ende des Krieges im Jemen ist nicht in Sicht, und auch wenn es Iran nicht unbedingt missfällt, Saudi-Arabien im Jemen in einer misslichen Lage ohne Exit-Strategie zu sehen, erkennt man auch dort die Gefahr der fortwährenden Konfliktdauer für die Region. Denn solange die saudische Regionalpolitik wütet, sieht Teheran die eigenen Interessen unter permanenter Bedrohung.

Eine Pax Iranica wird es nicht geben

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Konfliktkontexte, dass iranische Hard Power (Militärallianzen, Milizen, Militärstrategen) nicht in iranische Soft Power (moralische Strahlkraft, politischer Einfluss) übergeht. Iranische Truppen und Verbündete gewinnen Kriege, aber sie erlangen keinen Frieden. Diese schmerzhafte Erfahrung haben schon die Amerikaner im Irak gemacht. Sie waren militärische Gewinner, nie aber Friedensstifter. Es hat nie eine Pax Americana gegeben, genauso wird es nie zu einer Pax Iranica in der Region kommen. Teheran fehlt es dazu einfach an Gestaltungskraft.

Die politische Elite der Islamischen Republik kennt ihre militärischen und strategischen Grenzen. Man hat zudem sehr viel zu verlieren und empfindet sich selbst als verwundbar. In einer mehrheitlich arabisch und sunnitisch geprägten Region sehen sich Schiiten konfessionell als Minderheit. Eine Schutzmacht, wie es etwa die USA hinter Saudi-Arabien und Israel sind, hat Iran nicht. Und die eigene Rüstungsindustrie ist denen regionaler Rivalen weit unterlegen. Darum sieht Iran seine regionalen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen ständig bedroht.

Westliche Iran-Politik sollte sich mit diesen Eckpfeilern iranischer Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen tiefgehend befassen, um daraus eine Grundlage für regionale Sicherheitsarrangements mit Teheran zu entwickeln. Das mag ambitioniert klingen, hat aber schon einmal funktioniert: Schließlich hat Iran im Zuge des 2015er Nuklearabkommens bewiesen, dass es im Rahmen eines politisch starken Gesprächsformats (mit den UN-Vetomächten, Deutschland und der EU) durchaus in der Lage ist, diplomatische Lösungen für Konfliktthemen wie das iranische Nuklearprogramm mitzuentwickeln.