Seit Tagen gehen Tausende Iraner in verschiedenen Städten des Landes auf die Straße, um gegen das Regime zu demonstrieren. Es sind die größten Proteste seit dem Jahr 2009. Rund 200 Menschen sind festgenommen worden, zwei wurden getötet, zahlreiche weitere verletzt. Niemand kann sagen, was in den nächsten Tagen und Wochen geschehen wird. Politische Ereignisse im Iran sind so unberechenbar wie in kaum einem anderen Land. Die jüngere Geschichte dieses Landes liefert dafür eine Reihe von Belegen.

Die Revolution des Jahres 1979 hat so gut wie niemand vorausgesehen. Im Gegenteil. Als US-Präsident Jimmy Carter am 1. Januar 1978 den Schah in Teheran besuchte, sagte er: "Unter der großen Führung des Schah ist der Iran eine Insel der Stabilität in einer sonst unruhigen Weltgegend geworden!" Ein Jahr später flüchtete der Schah vor der Revolution aus dem Iran. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass die Mullahs unter Führung von Ajatollah Ruhollah Chomeini sich an der Macht würden halten können.

Als der Irak 1980 mit Unterstützung der USA einen Krieg gegen den Iran begann, da tat er das in dem Glauben, das Regime der Mullahs werde in wenigen Wochen zusammenbrechen. Es geschah genau das Gegenteil. Das Regime hielt acht lange, grausame Kriegsjahre durch und stabilisierte sich.

Kulturelle Öffnung unter Chatami

Im Jahr 1997 wählten die Iraner zur Überraschung aller Mohammad Chatami zum Präsidenten des Landes. Chatami galt als Reformer. Junge Menschen vor allem, darunter viele Frauen, haben ihn zum Präsidenten gewählt. Auch wenn Chatami das System nicht änderte, so brachten die acht Jahre seiner Präsidentschaft – immerhin zwei Amtszeiten – eine gesellschaftliche und kulturelle Öffnung mit sich, die der Islamischen Republik Iran kaum jemand zugetraut hätte.

Nach Chatami, so dachten viele Beobachter, würde es kein Zurück mehr geben können; die von ihm erreichte kulturelle Öffnung würde früher oder später im Sturz des Regimes enden. Freiheit und Theokratie, so das Argument, seien nämlich unvereinbar. Es geschah wieder das Gegenteil.

Auf Chatami folgte Mahmud Ahmadinedschad, ein reaktionärer Politiker. Er blieb acht Jahre im Amt. Im Iran schien nun für immer die Stille der Diktatur zu herrschen. Doch dann gingen nach Wahlfälschungen bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2009 Zehntausende Menschen auf die Straße. Plötzlich und unerwartet. Die Demonstrationen dieser Tage passen in dieses Muster der Unberechenbarkeit.

Warum der Westen so oft falsch liegt

Natürlich ist diese Unberechenbarkeit auch einem Mangel an Kenntnissen und Expertise über den Iran zuzuschreiben. Viele westliche Beobachter lagen einfach sehr oft falsch in Bezug auf den Iran. Dabei spielt ideologische Verblendung durchaus eine Rolle. Dass sich eine Theokratie in einem extrem feindlichen Umfeld über 30 Jahre lang behaupten kann, das lag außerhalb westlicher Vorstellungskraft.

Trotzdem ist Unberechenbarkeit offenbar ein Teil der politischen Geschichte des Irans. Sie ist im Grunde ein Indiz für die außerordentliche Vitalität dieser Gesellschaft – auch 30 Jahre Theokratie haben sie nicht ersticken können.

Die Menschen gingen in diesen Tagen zuerst auf die Straße, um gegen hohe Lebenshaltungskosten zu demonstrieren, bald aber hörte man schon Rufe "Tod für Chameini", den obersten Führer des Landes. Zuerst gingen sie auf die Straße, um gegen die Massenarbeitslosigkeit zu demonstrieren, dann brannten die Konterfeis Chameinis.

Vielleicht ist das alles nur ein Strohfeuer, vielleicht wird das Regime die Lage schnell unter Kontrolle bringen. Doch es wäre nicht die erste Revolution, die mit einem "Vielleicht" beginnt.