In arabischen Hauptstädten brennen nun wieder amerikanische und israelische Fahnen auf öffentlichen Plätzen, begleitet von Wutgeschrei wie "Tod den Amerikanern" und "Vernichtet Israel". Auch am Freitag wird es in den Predigten vieler Moscheen wohl vor allem um ein Thema gehen: Trumps Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels. Selbst jene arabischen Staaten, in denen die Inhalte der Freitagspredigten zensiert werden, dürften den drohenden Hass kaum verhindern können – so etwa die Forderung nach der Befreiung des Heiligen Jerusalems aus den Händen der israelischen Besatzer.

Klar ist daher, dass der US-Präsident die Krise im Nahen Osten mit seiner Entscheidung extrem verschärft hat. Zum heiligsten Gebet der Woche wird manch radikaler Prediger versuchen, die Gläubigen mit Hassbotschaften gegen den "zionistischen Feind" aus Israel und die USA aufzuhetzen. Und es ist zu befürchten, dass diese Botschaften bei vielen Moscheebesuchern auf fruchtbaren Boden fallen werden. Denn kaum eine andere Stadt der islamischen Welt ist in der Lage, die Gemüter der Menschen derart aufzupeitschen wie dieser für die drei monotheistischen Religionen gleichermaßen wichtige Ort: Jerusalem.

Keine andere Stadt ist derartig aufgeladen mit Religion und Geschichte, mit Hoffnung und Verzweiflung, mit Streit und Versöhnung, mit Krieg und gelegentlich auch Frieden. Für Juden ist sie mit der Klagemauer einer ihrer heiligsten Orte, für Christen die Stadt, in der Jesu starb und gen Himmel gefahren ist. Muslime sprechen von der Stadt als die Heilige, als Al Quds, vom Tempelberg als Al Haram al Sharif, dem edlen Heiligtum.

Keine der drei Religionen kann auf Jerusalem verzichten

Von den Felsen dieses Berges soll Prophet Mohammed auf seinem Pferd in den Himmel gefahren sein, um die Propheten des Alten Testaments zu treffen – also jene Propheten, die auch für gläubige Juden wichtig sind. Seit frühislamischer Zeit ist dieser Fels vom vielfach restaurierten Felsendom umschlossen, dessen vergoldete Kuppel bei Sonnenschein weithin leuchtet.  

Es ist das Dilemma Jerusalems: Keine der monotheistischen Religionen möchte und kann auf ihre heiligen Stätten verzichten.

Daher sind für die Menschen in der arabischen Welt israelische Soldaten in Ostjerusalem oder bei der Eingangskontrolle zum Tempelberg nur schwer erträglich. Im vergangenen Jahr hatten bereits von der israelischen Armee dort installierte Überwachungskameras ausgereicht, um schwere Unruhen unter den Palästinensern und scharfe Proteste in der ganzen arabischen Welt auszulösen.

"Rücksichtslos, töricht"

Aber nicht nur aus religiösen Gründen gehört Jerusalem zu den politisch sensibelsten – und damit gefährlichsten – Orten in der arabischen Welt. Israelische Soldaten in Ostjerusalem erinnern schließlich die arabischen Menschen auch an ihre schwerste Niederlage: Vor 40 Jahren hatte das kleine Land im Sechstagekrieg den Ostteil Jerusalems erobert und die jordanische Armee hinter den Jordan vertrieben. 13 Jahre später annektierte Israel die gesamte Stadt und erklärte Jerusalem zur "ewigen und unteilbaren Hauptstadt". Bis zum vergangenen Mittwoch hatten weder ein einzelner Staat noch die Vereinten Nationen diese Annexion anerkannt.

Dann kam Donald Trump.

Rücksichtslos, töricht und jegliche Friedensbemühungen zerstörend – so bewerten die arabischen Staaten die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, sicherlich auch frustriert darüber, dass er alle Warnungen der Regierungschefs vor einer Eskalation ignorierte. Einer der engsten Verbündeten der USA in der arabischen Welt, Jordaniens König Abdullah II., war vergangene Woche sogar eigens nach Washington gereist, um Donald Trump seinen Plan auszureden.

Mit der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt hat der amerikanische Präsident die Macht- und Einflusslosigkeit des jordanischen Königs in aller Öffentlichkeit vorgeführt – mit ungewissen innenpolitischen Folgen: In seinem Wüstenstaat mit nur zehn Millionen Einwohnern besitzt ein knappes Drittel palästinensische Wurzeln, so gut wie alle von ihnen sind Flüchtlinge. Sie flohen entweder 1948 aus dem Kernland Israel oder 1967 aus dem Westjordanland. Etliche von ihnen leben immer noch in von UNO-Organisationen betreuten Lagern.