Der ältere Mann kommt zu spät zum Freitagsgebet, aber einen Satz will er auf seinem Weg zum Tempelberg in Jerusalems Altstadt unbedingt noch loswerden: "Das hier ist Al-Kuds, die Hauptstadt Palästinas", ruft er. Al-Kuds ist der arabische Name Jerusalems. Dann eilt er weiter, den Gebetsteppich über der Schulter – der Muezzin ruft. 

So wie er sehen es viele Palästinenser. Deshalb ziehen nach dem Gebet am Freitagnachmittag Tausende auf die Straßen, auch in Jerusalem, vor allem aber in den größeren Städten des Westjordanlandes und im Gazastreifen. Einen "Tag des Zorns" hatte die radikalislamische Hamas ausgerufen. Viele Palästinenser sind frustriert, enttäuscht und wütend. Sie greifen israelische Sicherheitskräfte und Soldaten an. Am Nachmittag steigt die Zahl der Verletzten bereits auf mehr als 200, viele sind eher leicht verletzt, haben Tränengas eingeatmet oder Gummigeschosse abbekommen, dann stirbt ein Palästinenser bei den Ausschreitungen im Gazastreifen.

Mit diesen Reaktionen rechneten viele Seiten, nachdem US-Präsident Donald Trump am Mittwochabend Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt und noch mal klargestellt hatte, dass er die US-Botschaft hierherverlegen wird – wenngleich noch immer nicht klar ist, wann genau. Wahrscheinlich nicht vor 2019, denn es müssten Genehmigungen erteilt werden und ein passendes Gebäude gebaut werden, kündigte US-Außenminister Rex Tillerson nun an.

US-Vizepräsident Pence ausgeladen

Auf israelischer Seite löste Trumps Ankündigung große Freude aus – ungeachtet aller Sicherheitsrisiken. Selbst der Anführer der oppositionellen Arbeiterpartei, Avi Gabbay, sagte, ein vereintes Jerusalem sei wichtiger als Frieden. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lobte Trump. Israels nationale und historische Identität sei nun anerkannt worden, sagte er und kündigte an, dass auch andere Länder wie Tschechien ihre Botschaften nach Jerusalem verlegen würden. Doch die tschechische Regierung erteilte Netanjahu eine Absage, im Einklang mit der Position der Europäischen Union sehe man Jerusalem als "künftige Hauptstadt zweier Staaten", so das Außenministerium. Unterdessen kündigten die Israelis an, 14.000 neue Wohnungen zu bauen, 6.000 davon jenseits der grünen Linie, auch in Ostjerusalem.

Die Hamas rief nach Trumps Rede zu einer neuer Intifada auf und der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat sagte, die Zweistaatenlösung sei am Ende. Denn Palästinensern, Muslimen wie Christen, ist Al-Kuds ebenfalls heilig. Und so hieß es aus Kreisen der gemäßigteren Fatah bereits, US-Vizepräsident Mike Pence sei in "Palästina" jetzt nicht mehr willkommen. Pence soll eigentlich noch in diesem Jahr Ägypten, Israel und das Westjordanland besuchen und dabei Palästinenserpräsident Mahmud Abbas treffen.

Von den Amerikanern wollen auch die Demonstranten am Jerusalemer Damaskustor vorerst nichts mehr wissen. "Ihr solltet euch erst mal entschuldigen, bevor wir wieder mit euch sprechen", brüllt die junge Demonstrantin Assia englischsprachigen TV-Journalisten zu. Die kommen zwar noch nicht mal aus den USA. Doch die 26-Jährige mit engen Hosen und offenen dunkelbraunen Haaren ist zu wütend, um hier noch einen Unterschied zu machen. "Hört endlich auf, von Jerusalem und Israel zu sprechen. Das hier ist Al-Kuds, das hier ist Palästina." Dann dreht sie sich wieder um und stimmt in die Rufe der Demonstranten ein, die auf den großen Treppenstufen aus voller Kehle "Vom Jordan bis zum Mittelmeer, Palästina wird frei sein" und "Allahu Akbar", rufen.