Donald Trump hat in diesen Tagen mal wieder sein unvergleichliches Talent gezeigt, sich Feinde zu machen und Menschen gegen sich aufzubringen. Seine Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die US-Botschaft dorthin zu verlegen, ändert nichts an den tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort. Sie verdeutlicht nur einmal mehr, dass Washington nie ein neutraler Vermittler in Nahost war.

Gleichwohl hat die Stadt Jerusalem eine enorme symbolische Bedeutung, nicht nur für Juden und Europäer, sondern auch für arabische Muslime und Christen. Das Schicksal der Palästinenser ist seit Generationen tief im Bewusstsein von Arabern und Muslimen verankert. Das ist ein Grund, warum diese rein symbolische Ankündigung Trumps derart heftige Reaktionen sowohl unter arabischen Staatsführern als auch auf den Straßen im Nahen Osten auslösen konnte. Ein anderer Grund liegt darin, dass viele Araber in dieser so tief zerrütteten Region zumindest bei einer Sache den Anschein einer gewissen Einigkeit vermitteln wollen.

Die Außenminister der Arabischen Liga warnten, Trumps Entscheidung werde "die Spannungen verschärfen, Zorn entfachen" und drohe die Region "in mehr Gewalt und Chaos zu stürzen" – als ob Nahost nicht sowieso schon tief in beides verstrickt wäre. Ganz im Einklang mit ihrer an nutz- und wirkungslosen Bemühungen reichen Geschichte war auch die Ankündigung der Liga, gegen Trump eine Resolution des UN-Sicherheitsrates zu veranlassen – die die USA als ständiges Mitglied sowieso verhindern werden. 

Palästina proklamieren – Palästinenser ablehnen

Libanons Außenminister Gebran Bassil rief die arabische Welt gar dazu auf, Wirtschaftssanktionen gegen die USA zu verhängen. Während sich aber Bassil lautstark für die Befreiung Palästinas ausspricht, steht seine Haltung gegenüber den Palästinensern selbst auf einem ganz anderen Blatt. Der Außenminister hat zuletzt immer wieder Kontroversen ausgelöst. Er lehnt nicht nur die Einbürgerung der Syrer ab, die in den vergangenen Jahren in den Libanon geflohen sind, sondern auch der palästinensischen Flüchtlinge, die seit Jahrzehnten im Libanon leben. Bassil spricht sich sogar dagegen aus, libanesischen Frauen zu erlauben, ihre Staatsbürgerschaft an ihre Kinder zu übertragen, wenn diese mit einem Palästinenser oder Syrer verheiratet sind.

Bassil ist sicher ein extrem bigottes Beispiel. Doch die Tendenz, einerseits lautstark seine Verbundenheit mit Palästina zu proklamieren, andererseits aber die Palästinenser abzulehnen, ist ein weitverbreitetes Phänomen im Libanon. Das zeigte sich auch, als wütende Demonstranten vor der US-Botschaft in Beirut mit der Polizei zusammenstießen und skandierten, die USA seien ein "Feind Palästinas".

Fast eine halbe Million palästinensische Flüchtlinge sind im Libanon registriert und nennen das Land ihr Zuhause. Doch viele von ihnen leben in Armut und erfahren soziale wie wirtschaftliche Ausgrenzung. Die meisten von ihnen leben noch immer in einem der zwölf palästinensischen Flüchtlingslager – unter äußerst prekären Lebensumständen.

In Syrien wurde Jarmuk komplett zerstört

Der Libanon hat zwar einen Teil der Palästinenser gut integriert, den Großteil aber nicht. Dieses Versäumnis beruht zum Teil auf der Angst, mit der Integration könnte das bisherige Machtgefüge aus der Balance geraten. Die Machtverteilung in dem kleinen Mittelmeerstaat ist hochkomplex und über viele Jahrzehnte gewachsen. Einige Libanesen lehnen auch ganz bewusst den Gedanken ab, die Palästinenser zu integrieren. Sie fürchten, es könne wie ein Signal wirken, dass der Friedensprozess und das Ringen um den Status quo von Palästina nicht mehr notwendig seien. Doch für diese Haltung zahlen die Palästinenser einen hohen Preis.

Auf einem Protestmarsch in Beirut vor ein paar Tagen rief Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah die Palästinenser dazu auf, sich gegen Israel zu erheben. Er schwor, dass "Jerusalem und Palästina und die Palästinenser und der palästinensische Widerstand in all seinen Formen" für die Hisbollah nun die oberste Priorität hätten. Wenn dem so ist, muss man fragen, warum die Palästinenser, die in Syrien leben, für Nasrallah bislang keine besondere Priorität hatten – im Gegenteil.

Seine Hisbollah-Milizen haben das Regime um Syriens Machthaber Baschar al-Assad massiv unterstützt und mit dafür gesorgt, dass ein großer Teil des Landes heute in Trümmern liegt. So wie auch das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk im Süden von Damaskus, das erst von syrischen Regimetruppen blockiert wurde, dann unter Kontrolle des IS geriet und am Ende von der syrischen Regierung zurückerobert wurde. Jarmuk wurde durch die Kämpfe nahezu völlig zerstört.

Berlin - Erneute Demonstration gegen Jerusalem-Entscheidung In Berlin haben Hunderte Menschen gegen US-Präsident Trumps Entscheidung protestiert, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Zu Ausschreitungen kam es nicht. © Foto: Getty Images/ Sean Gallup