Kein Tag vergeht, ohne dass Kataloniens Unabhängigkeitsparteien nicht auf Artikel 155 Bezug nehmen. Die Chiffre für die Zwangsmaßnahmen gegen die separatistische Regierung ist im Wahlkampf so omnipräsent wie der mit einer gelben Schleife dekorierte leere Stuhl des immer noch in Untersuchungshaft sitzenden Spitzenkandidaten der Linksrepublikaner, Oriol Junqueras. Mit der Schleife drücken die Träger normalerweise ihre Solidarität mit den inhaftierten Politikern aus. Gleichzeitig gibt es im spanischen Fernsehen fast täglichen Schalten nach Brüssel. Dorthin ist Carles Puidgemont, der Spitzenkandidat des Bündnisses Junts per Catalunya, geflohen. Die Ausnahmesituation der abgesetzten Politiker ist die sichtbarste Folge des Zusammenstoßes zwischen Barcelona und Madrid; noch ist unklar, wie sie ihr parlamentarisches Amt ausüben werden können.

Im Alltag der Katalanen ist von der Zwangsverwaltung dagegen wenig zu spüren. Keine streikenden Beamten, keine Anweisungen aus Madrid, keine "schwarzen Männer", die in Kantine und auf den Fluren der Verwaltung Gewissenskontrolle betreiben. Seit dem 28. Oktober sind offiziell die Ministerien in Madrid für alle katalanischen Fragen zuständig. Ihre neuen Chefs bekommen die Mitarbeiter aber kaum zu Gesicht. Man kommuniziert per E-Mail und Telefon. Zwei, drei Mal pro Woche reist Roberto Bermúdez de Castro, der von Spaniens Vizepräsidentin Soraya Saéz de Santamaria eingesetzte Katalonienverwalter, nach Barcelona und überwacht von seinem Büro in der Delegation der spanischen Regierung die Amtsgeschäfte. Mitarbeiter schildern ihn als freundlichen, zurückhaltenden Mann.

Man habe Schlimmeres befürchtet, heißt es übereinstimmend aus den großen Gewerkschaften. "Der Artikel 155 ist zwar eine politische Entscheidung, umgesetzt wird er aber fast ausschließlich nach technischen Kriterien", sagt Carlos Villante von der UGT. Ganz gleich, wie angespannt die politische Lage ist: Die Probleme der Verwaltung sind eher technischer Natur. Budgets fürs kommende Jahr konnten noch nicht genehmigt werden, weil Unterschriften fehlen. Sachbearbeiter beschweren sich über erhöhten Schreibaufwand, weil Protokolle auf spanisch verfasst oder vom Katalanischen ins Spanische übersetzt werden müssen, damit das jetzt zuständige Madrider Ministerium auch alles versteht. In den Universitäten bleiben Reiseanträge lieben, mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschungsprojekte liegen auf Eis, Projekte können wegen fehlender Unterschrift des politischen Verantwortlichen nicht ordnungsgemäß abgeschlossen werden.

"Minimale Intervention in der Verwaltung" lautete die aus Madrid ausgegeben Devise. Umso deutlicher war die spanische Regierung bei der Zerschlagung der Strukturen, die für sie in direktem Zusammenhang mit dem sezessionistischen Vorhaben standen. Einrichtungen der Unabhängigkeitsbefürworter traf das Diktum aus Madrid daher zuerst: Website und Büro des für die "internationale Förderung Kataloniens" zuständigen Dienstes DiploCat sind geschlossen. Bis auf die Brüsseler Repräsentanz sind auch sechs der katalanischen Auslandsrepräsentanzen der Region aufgelöst. Solche internationalen Vertretungen unterhalten auch andere spanische Regionen wie Andalusien. Doch statt wie sie vor allem für regionale Kultur zu begeistern und Wirtschaftsbeziehungen zu fördern, verfolgten die katalanischen Vertretungen nach Madrider Auffassung in erster Linie "politische Aufgaben": Überzeugungsarbeit für die Sache der Unabhängigkeitsbefürworter und Propaganda gegen den spanischen Staat.