Zweimal im Monat nimmt Marinu Santoni die Nachtfähre von Korsika zum südfranzösischen Nizza, doch an diesem Morgen guckt dabei das erste Mal die korsische Nationalflagge aus ihrer Umhängetasche. Seit die Korsen am Sonntag im ersten Wahlgang mehrheitlich für die Nationalisten gestimmt haben, verteilen Bäcker und Händler die Fahnen an ihre Kunden in Bastia, Santonis Heimatstadt. "Wir feiern uns eben", sagt die 53-Jährige mit den sorgfältig geföhnten schwarzen Haaren. Auch sie hat die nationalistische Partei Pè a Corsica gewählt, zum ersten Mal. "Jetzt muss Paris uns zuhören", sagt sie. Ihre Insel könne nicht von "Machtmenschen" in der Hauptstadt regiert werden.

Paris und die dortige Regierung scheinen für die Korsen schon immer von einem anderen Stern zu kommen. Mit den überraschenden 45 Prozent für die Nationalisten bei der Regionalwahl wird die Kluft zwischen der Hauptstadt und der Mittelmeerinsel noch ein bisschen größer. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit werden sie nach dem zweiten Wahldurchgang am Sonntag das Inselparlament regieren. Nach Spanien hat nun auch Frankreich sein regionales Problem. Wie die Katalanen auch wollen die Korsen ihre Kultur schützen, sie wollen ihre Sprache, das Korsische, im Lehrplan verankern und dem Regionalparlament mehr Rechte einräumen. Einige Gefängnisinsassen, einst verurteilte Terroristen, sollen begnadigt werden. Trotzdem haben der französische Präsident und Europa weniger zu fürchten als die Spanier von den Katalanen: Die korsischen Nationalisten wollen ausdrücklich nicht eine unabhängige Insel werden. Dazu sind sie laut eigener Aussage viel zu abhängig von Paris.

Es wird sich zeigen, ob Pè a Corsica ("Für Korsika") tatsächlich so moderat verhandeln wird, wie sie im Wahlkampf auftraten. Denn die Nationalisten haben eine gewalttätige Vergangenheit. Noch heute erinnern die durchlöcherten Ortsschilder daran, wie stark Waffen die Insel beherrschten. Bis vor gut zwei Jahren hatten dieselben Nationalisten, die nun bald in der Nationalversammlung Platz nehmen werden, noch einen bewaffneten Arm, die FNLC. Ihre Kämpfer schossen auf alles, was ihrer Meinung nach unkorsisch war – also Schilder, die auf Französisch geschrieben waren, Supermärkte, die von Ausländern errichtet wurden, Ferienhäuser, die den sogenannten Festlandfranzosen gehörten. Und manchmal ermordeten sie sogar politische Gegner und Pariser Abgesandte. So alltäglich war das Geknalle, dass sich Menschen abends im Restaurant oder auf der Straße fragten, ob es nun ein Feuerwerk sei oder ein Schusswechsel.

Die Korsen vertreiben die Investoren selbst

Offenbar begrüßen viele Korsen die friedlichere Variante der Patrioten. Seitdem die Nationalisten 2015 die Waffen offiziell niederlegten, wurden sie mit jeder Wahl erfolgreicher, zuletzt bei den Parlamentswahlen im Juni: Da konnte die Partei drei von insgesamt vier korsischen Abgeordneten nach Paris entsenden. Auch bei der jetzigen Wahl haben die Nationalisten allen Parteien Wähler abgerungen, linken wie rechten. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kam mit seinem Kandidaten hingegen nur knapp über zehn Prozent. Der Liberale wird nun "offene Ohren" haben müssen, wie es der Wahlsieger Gilles Simeoni ausdrückte.  

Das Leben ist anders auf Korsika, dieser Insel im Mittelmeer, die näher an Italien als an Frankreich liegt und die noch vor wenigen Jahrzehnten ein bäuerliches Einöd mit mehr Hirten und Bauern als jede andere Region in Frankreich war. Ihr Stolz hat dazu geführt, dass die wunderschönen Küsten nicht wie etwa auf Mallorca mit Hotelburgen zugebaut wurden.

Zwar scheiterten immer wieder die Versuche korsischer Politiker, mit einem Gesetz korsisches Land für Bewohner der Insel zu reservieren. Aber die Einwohner selbst sorgen dafür, dass keine internationalen Investoren ihre Insel zubauen. Noch heute sagen selbst ärmere Einheimische, sie würden ihre Ländereien nicht verkaufen, damit sie in korsischer Hand blieben. Und dass, obwohl sie inzwischen Millionen wert sind und sie auf einen Schlag keine Baguettes mehr backen oder Wein an Touristen verkaufen müssten.