In diesem Jahr haben viele Oppositionelle Russland verlassen, darunter die Bürgerrechtlerin und Journalistin Olga Romanowa. Als die Büros ihrer Gefangenenhilfsorganisation im Juni 2017 durchsucht wurden, verließ sie Russland. Seit September hilft sie von Berlin aus Gefängnisinsassen in Russland und moderiert beim oppositionellen russischsprachigen Fernsehsender RTVD.

ZEIT ONLINE: Frau Romanowa, warum sind Sie nach Berlin ausgereist?

Olga Romanowa: Mein Fall ist dem des Regisseurs Kirill Serebrennikow sehr ähnlich. Seit Mai 2017 sorgt meine Hilfsorganisation Russland hinter Gittern für Serebrennikows anwaltliche Verteidigung, deshalb kenne ich seinen Fall so gut. Ich ahnte schon, dass uns dasselbe drohte. Drei Wochen nach der Durchsuchung bei Serebrennikow sind sie zu uns gekommen.

Am frühen Morgen kamen sie mit Durchsuchungsbefehlen zu allen unseren Büros. Zur Begründung hieß es, wir hätten staatliche Mittel veruntreut. Allerdings haben wir nie staatliche Mittel bekommen. Der Unterschied zwischen Serebrennikow und meiner Hilfsorganisation, Russland hinter Gittern, ist, dass er ein Theater hat, das staatliches Geld bekommen hatte. Wir sind eine Wohltätigkeitsorganisation, noch dazu eine oppositionelle – woher sollten wir staatliche Mittel haben? Außerdem war die Summe in Dollar angegeben. Ich habe die Beamten danach gefragt, schließlich zahlt man in Russland mit Rubeln. Er sagte: Na, du verstehst schon.

Natürlich verstehe ich. Ich kenne mich ja aus mit Finanzen. Der Vorwurf der Veruntreuung staatlicher Mittel war einfach ein Vorwand.

ZEIT ONLINE: Und was war Ihrer Meinung nach der eigentliche Grund für die Durchsuchung?

Olga Romanowa ist eine russische Bürgerrechtlerin aus Moskau. Sie ist 51 Jahre alt, kennt sich mit Finanzen aus und hat 30 Jahre als Journalistin gearbeitet. Sie hat vor zehn Jahren die Gefangenenhilfsorganisation Rus sidjaschaja, Russland hinter Gittern, gegründet. Derzeit lebt sie in Berlin.

Romanowa: Russland hinter Gittern kämpft für die Rechte von Menschen im Gefängnis. Allein aus diesem Grund treffen wir dauernd alle wunden Punkte der russischen Gefängnisbehörde FSIN. An ihrer Spitze stehen derzeit Leute, die früher beim Inlandsgeheimdienst FSB waren. Natürlich ist es in deren Interesse, mich loszuwerden und die Organisation zu schließen.

ZEIT ONLINE: Sie wollten, dass Sie das Land verlassen?

Romanowa: Nein, sie wollten mich ins Gefängnis bringen. Um mir persönlich zu schaden, und auch dem guten Ruf der Organisation. Sie hassen mich.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund, und das ist die Präsidentenwahl im März 2018. Jedes Jahr verlassen etwa 2.500 Menschen Russland, aber vor der Präsidentenwahl sind es erheblich mehr. Denn die staatlichen Organe versuchen, das Oppositionsfeld aufzuräumen. Sie wollen verhindern, dass sich die Proteste von 2012 wiederholen. Damals war die letzte Präsidentenwahl – und die Leute protestierten gegen die Amtseinführung Putins. Man rät mir, mich vor der Wahl nicht mehr in Russland blicken zu lassen. Aber ich frage mich: Warum sollte es nach der Wahl besser werden?

ZEIT ONLINE: Sie sind also jetzt im Exil?

Romanowa: Ich bin überzeugt, dass ich eines Tages zurückkehre. Sei es im nächsten Jahr, sei es in 20 Jahren. Deutschland ist ein schönes Land, aber ich bin Russin.

Allerdings fühle ich mich in Berlin nicht als Emigrantin. Mir kommt es eher so vor, als sei ich in einen anderen Stadtteil Moskaus gezogen. Ich kenne mich nicht besonders gut aus, man hat mich zum Umzug gezwungen. Aber es ist freundlich und angenehm. Und in diesem mir unbekannten Moskauer Stadtteil treffen sich aus unerfindlichen Gründen sehr viele meiner Bekannten und Freunde. Sie sind sehr unterschiedlich, es gibt darunter Deutsche, Engländer und viele Russen, ich kenne auch Usbeken hier und habe kasachische Bekannte.

Und noch etwas besonders Kostbares passiert in Berlin. Ich lebe jetzt mit Ukrainern, ich arbeite mit ihnen, wir treffen uns und tauschen uns aus. Wir sind befreundet. Und es ist alles gut! Das kann man sich in Russland gar nicht mehr vorstellen. Ich habe keine Lust mehr, immer erst deklarieren zu müssen, dass ich gegen die Annexion der Krim bin und gegen den Krieg in der Ukraine. Hier in Berlin muss ich das nicht. Dass sich Ukrainer und Russen in Berlin treffen und alles gut ist, ist wunderbar.

ZEIT ONLINE: Wie geht es weiter mit Russland hinter Gittern, wo Sie in Berlin sind?

Romanowa: Morgens machen wir den Russland-hinter-Gittern-Chat auf, sagen uns Guten Morgen und beginnen mit der Arbeit. Heutzutage muss man ja nicht mehr physisch präsent sein. Die Arbeit geht einfach weiter.

ZEIT ONLINE: Aber Ihre Mitarbeiter sind in Russland. Ist es für sie nicht gefährlich?

Romanowa: Doch. In Moskau arbeiten für den Wohltätigkeitsfonds 18 Menschen, wir haben ein Büro in Moskau, eines in Nowosibirsk, und im kommenden Jahr werden wir welche in St. Petersburg und in Jaroslawl aufmachen. Alle meine Mitarbeiter haben schon im Gefängnis gesessen, außer mir. Ich habe immer gescherzt, dass ich anders bin als sie – aber jetzt bin ich fast auf einer Stufe mit ihnen, knapp dem Gefängnis entkommen. Natürlich machen die Leute sich Sorgen, aber sie sind sehr vertraut mit diesen Dingen. Wir helfen seit Jahren anderen, wir können auch uns selbst helfen.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Arbeit von Russland hinter Gittern aus?

Romanowa: Wir betreuen etwa 3.000 Familien im Jahr, in denen ein Mitglied im Gefängnis ist. Wenn jemand unschuldig sitzt – in Russland ist das etwa ein Drittel der Einsitzenden –, versuchen wir, ihm möglichst viel Öffentlichkeit zu verschaffen. Ansonsten helfen wir allen, die es brauchen. Die Familien leiden immer, oft fällt der einzige Ernährer weg. Wir bezahlen Anwälte, helfen den Kindern und Frauen. Und immer, wenn jemand im Gefängnis Folter ausgesetzt ist oder schwer erkrankt, kümmern wir uns um ihn – ganz egal, was er verbrochen hat.

ZEIT ONLINE: Woher kommt das Geld?

Romanowa: Russland hinter Gittern besteht aus drei Teilen: Einer sozialen Bewegung, einem Wohltätigkeitsfonds, der beim Justizministerium registriert ist, und einer GmbH. Von allen dreien bin ich die Chefin. Die Firma untersucht verschiedene Aspekte des russischen Gefängnissystems und hat unter anderem ein Reformkonzept geschrieben.

Der Auftrag dazu kam von Alexej Kudrin, dem früher Finanzminister, und die Firma hat eine Millionen Rubel dafür bekommen (umgerechnet rund 15.000 Euro). Dieses Geld habe ich eingenommen und dann an den Wohltätigkeitsfonds weitergereicht. Also quasi wieder an mich. Meine Firma hat außerdem im Auftrag des soziologischen Umfrageinstituts Lewada-Zentrum eine große Umfrage zum Thema Antisemitismus in den Gefängnissen des Landes gemacht.

Kurz gesagt, kommen aus den Aufträgen der Firma etwa fünf Prozent unseres Budgets, rund 70 Prozent kommen von sechs privaten Hauptsponsoren. Der Rest ist klassisches Fundraising, also quasi Mittel aus dem Volk. Für mich hat sich in Berlin vor allem eines geändert: Ich war in Russland dafür zuständig, dieses Geld einzuwerben. Das mache ich jetzt hier in Deutschland. Für mich ist das kein Problem. Falls es die russischen Geldgeber stört, sollen sie ihr Geld eben jemand anderem geben.

Russisches Staatsgeld hingegen hatten wir nie – und auch kein Geld aus dem Ausland. Jetzt haben wir allerdings auch eine EU-Ausschreibung gewonnen und werden demnächst Europafähnchen in unseren Büros aufstellen.

ZEIT ONLINE: Wird Russland hinter Gittern dann zum sogenannten ausländischen Agenten, wie alle NGOs in Russland, die Geld aus dem Ausland bekommen?

Romanowa: Natürlich! Allerdings werden wir uns nicht selbst als ausländischer Agent registrieren. Wenn das jemand für uns tut, na gut. Dann machen wir es so wie Memorial, die schreiben, sie seien nach "Auffassung des Justizministeriums" ein ausländischer Agent.

ZEIT ONLINE: Vor Kurzem haben Sie Fördermittel aus dem russischen Präsidentenfonds abgelehnt. Warum?

Romanowa: Das war ein bisschen kompliziert. Dieser Fonds gibt normalerweise Geld an Organisationen wie den Rockerclub Nachtwölfe oder für Hockey. Wir haben uns da regelmäßig und mehr pro forma beworben und nie etwas bekommen. Dieses Jahr kam, als ich schon im Ausland war, absurderweise eine Zusage für fast drei Millionen Rubel Fördergeld, 50.000 Euro. Es war eine schwere Entscheidung, aber am Ende haben wir abgelehnt.